https://www.faz.net/-gqz-7zpms

Wirbel um Bremer Predigt : Religion als hochentzündlicher Gefahrenstoff

Gegen das Zusammengemansche der Religionen: Olaf Latzel Bild: dpa

Der katholische Reliquienkult sei „Dreck“, das islamische Zuckerfest „Blödsinn“, und Buddhafiguren zeigten einen alten, fetten Mann – ein Bremer Pastor hat eine deftige Predigt zum christlichen Selbstverständnis gehalten. Das Land ist außer Rand und Band. Eine Sittengeschichte.

          4 Min.

          In die Mitte des deutschen Sittengemäldes ist unversehens Olaf Latzel gerückt. Dort steht er im Glauben fest wie eine Burg, verteidigt seinen Gott, den einen Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. Als ein solcher hatte sich Gott dem Mose in der Wüste Sinai geoffenbart; und als ein solcher offenbarte dieser Gott sich am 18. Januar, dem zweiten Sonntag nach Epiphanias, in der traditionsreichen Bremer St.-Martini-Kirche, wo er, der eine und - wie erst später bekanntwurde - dreifaltige Gott den hochentzündlichen Gefahrenstoff der Religion recht ordentlich zum Lodern brachte. Nun brennt es in Sunte Marten, wie die Bremer ihre Altstadtkirche an der Schlachte nennen, lichterloh.

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Pastor Latzel jedenfalls legt Wert genau auf diese Feststellung: dass nicht etwa er, Latzel, die Stichflamme gezündet hat, als er am Morgen des 18. Januar seiner Gemeinde jene Predigt hielt, die jetzt das ganze, von religiösen Zungenschlägen widerhallende Land in Ekstase versetzt. Nein, nicht Latzel ist laut Latzel der Brandstifter, als er vom eifersüchtigen Gott in St. Martini ein wortgewaltiges Zeugnis ablegte, sondern dieses höchste, von Launen und rohen Lauten ja nicht freie Wesen selbst ist es, welches schon im ersten Gebot so deutlich, wie es einem Gotte nur möglich ist, zu verstehen gab, dass ihm, dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist, wie Pastor Latzel aus der Bibel ableitet, „nichts mehr ein Greuel ist, als wenn neben ihn andere Götter gestellt werden“. Gott ist schuld, nicht der Pastor.

          Zwei, drei unflätige Begriffe

          Aber woran eigentlich soll er, Gott, schuld sein? Gibt es etwas zu entschuldigen? Nein, sagt Pastor Latzel, von zwei, drei unflätigen Begriffen abgesehen, die vielleicht nicht der Wortwahl Gottes, aber doch wohl jener Luthers entsprochen hätten und jedenfalls, sei’s drum, auf sein eigenes, des Pastors, Konto gehen: als da sind der Ausdruck „Dreck“ für den katholischen Reliquienkult, der Ausdruck „Blödsinn“ fürs islamische Zuckerfest sowie der Ausdruck „alter, fetter Mann“, zu dem er, der Pastor, gegriffen hatte, um die Buddha-Figürchen, welche zum Verdruss des einen Gottes gemeinhin auf deutschen Kommoden stehen, einer näheren ästhetischen Bewertung zu unterziehen. Das sei aber auch schon alles, was an seiner Predigt zeitliche Schlacke sei, sagt der Pastor, die Schlacke des rhetorischen Überschwangs, für die er sich entschuldige, keinesfalls aber für den überzeitlichen Rest seiner Predigt.

          Die Predigt. Sie lässt entsetzte Pastoren der Bremischen Evangelischen Kirche vor dem Dom der Stadt ausrufen: „Bremen ist bunt! Wir leben Vielfalt!“ und gegen den Pastor Latzel vorsorglich den Satz in Stellung bringen: „Wir distanzieren uns entschieden von Fundamentalismus jedweder Art - und von allen Versuchen, Fremdenfeindlichkeit, Islamophobie, Antisemitismus oder rassistisches Gedankengut mit vorgeblich biblischem Glauben zu bemänteln.“

          Gott der Bibel nicht der Gott des Korans?

          Somit, mit dieser Generalverdachtsklausel, ist hinreichend klargestellt, dass die Pastoren es entschieden ablehnen, sich von Hirngespinsten in Geiselhaft nehmen zu lassen, seien es Hirngespinste Gottes, seien es Hirngespinste Pastor Latzels oder seien es Hirngespinste, die zwar weder Gottes noch Latzels sind, aber den Bremer Pastorenkollegen doch immerhin denkmöglich erscheinen, sobald an die explosive religiöse Materie erst einmal die Ausdrücke „Dreck“, „Blödsinn“, „alt“ und „fett“ herangetragen werden; da braucht man die Predigt selbst doch gar nicht mehr zu lesen! Die Martini-Gemeinde indes hat die Predigt gehört und gelesen - und steht nun wie ein Mann zu ihrem Pastor Latzel: Je suis Latzel! (Wie ein Mann: Frauen sind hier traditionell auf der Kanzel nicht zugelassen, weil die Martini-Gemeinde gemäß Bremer Kirchenverfassung seit je und weitgehend eigenständig, von EKD-Durchgriffen unbehelligt Gottes Lob darbringen kann.) So springt der Gemeindevorstand beiden, dem Gott und seinem Pastor, mit dieser Erklärung bei: „Wie aus der Bibel, den altkirchlichen Bekenntnissen und den Schriften der Reformation hervorgeht, kann der Gott der Bibel nicht der Gott des Korans sein. Das Feiern gemeinsamer Gottesdienste, der Gebete mit Imamen oder Vertretern anderer Religionen ist daher nicht möglich.“ Auch Glücksbringer Buddha-Statuen und Reliquienverehrung gehörten, ganz wie es der Pastor (abzüglich der besagten zwei, drei unflätigen Begriffe) ausgeführt habe, nicht zum evangelischen Christsein: „Der Weg zum Heil führt allein über den Glauben an Jesus Christus, den Sohn Gottes, der in die Welt gekommen und für uns Sünder am Kreuz gestorben ist.“

          Weitere Themen

          Der Maler der Lücke

          A.R. Penck in Dresden : Der Maler der Lücke

          Das Albertinum Dresden zeigt unbekanntere Seiten des Künstlers A.R. Penck. Gezeichnet wird das Bild eines jungen Mannes, der sein Können zurückhielt, um im Strom der Ideen zu treiben.

          550.000 Euro für eine Mona Lisa-Kopie Video-Seite öffnen

          Versteigerung zum Spitzenpreis : 550.000 Euro für eine Mona Lisa-Kopie

          In Paris ist eine Kopie des berühmten Gemäldes von Leonardo da Vinci für einen Spitzenpreis verkauft worden. Das Bild wurde im 17. Jahrhundert von einem unbekannten Künstler gemalt. Es gleicht dem Original bis auf wenige Details, ist aber etwas größer.

          Topmeldungen

          Hinter den Häusern und Kirchen der Innenstadt in München sind am Morgen die Berge sichtbar.

          Bauvorhaben und Infrastruktur : Bayern und seine Schwächen

          Bayern steht gut da, doch auch im Freistaat hakt es mancherorts außerordentlich. In München droht gar ein verkehrspolitisches Desaster – das bald womöglich den Vergleich mit dem Berliner Flughafen nicht mehr scheuen muss.
          Peter Feldmann bei einem Besuch im Awo-Jugendhaus im Frankfurter Gallusviertel im Jahr 2014.

          Peter Feldmann und die Awo : Das Schweigen des Oberbürgermeisters

          Weil die Arbeiterwohlfahrt seine Ehefrau zu ungewöhnlich guten Konditionen beschäftigt haben soll, steht Peter Feldmann stark unter Druck. Die Awo rechtfertigt derweil die hohe Bezahlung der Frau des Frankfurter Oberbürgermeisters – und hat noch in einem anderen Fall Probleme.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.