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Rückbesinnung : Braucht der Islam eine Reformation?

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Betende in einer Moschee in Dubai Bild: AP

In der muslimischen Welt gab es schon einmal eine radikale Rückbesinnung auf Schrift und Urzeit. Laute Rufe nach einem muslimischen Luther wären jedoch zwecklos.

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          Wo bleibt der muslimische Luther? Wann kommt es endlich zu einer umfassenden Neuinterpretation der Heiligen Schriften des Islams? Mit derartigen Fragen und impliziten Vorwürfen sahen sich unsere muslimischen Mitbürger in diesem Jahr von neuem und in großer Heftigkeit konfrontiert. Europaweit wurden sie auf allen Kanälen aufgefordert, zu erklären, woher sich denn nun genau die Gewalt speist, die die IS-Terroristen und die Charlie-Hebdo-Attentäter verüben. Diejenigen Politiker und Kommentatoren allerdings, die lautstark die Abwesenheit eines muslimischen Reformators beklagen, kommen gut 150 Jahre zu spät.

          In der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts rumorte es in den arabischen Provinzen des Osmanischen Reiches und unter den Muslimen Indiens, das zum Britischen Weltreich gehörte. „Blindem Gehorsam“ zur islamischen Tradition sagten modernistisch ausgerichtete Denker den Kampf an. Sie waren der Überzeugung, dass es keinerlei Widerspruch zwischen Verstand und Offenbarung geben könne. Alle rechtlichen und theologischen Aussagen, die muslimische Gelehrte über Jahrhunderte als wesentliche Teile des Glaubens fixiert hatten, müssten vor den Richterstuhl des Verstandes treten. Nur rational vertretbare Positionen sollten beibehalten werden.

          Der unverstellte Blick auf den Koran

          Europäische Orientalisten und Islamwissenschaftler waren von dieser neuen Bewegung fasziniert, versprach sie doch, wie man in Analogie zum Kampf gegen die kulturelle Macht der römischen Kirche sagte, der Herrschaft des „finsteren Pfaffentums“ im Islam ein Ende zu bereiten. Die Modernisten waren eine kleine Gruppe gebildeter Literaten, aber sie waren nicht die Einzigen, welche die Interpretationshoheit der klassisch ausgebildeten Religionsgelehrten bestritten. Die technologische und militärische Überlegenheit europäischer Kolonialmächte brachte einige Denker dazu, sich verstärkt für die goldene Frühzeit des Islams zu interessieren. Jene ersten Jahrhunderte waren von beständiger Expansion islamischer Reiche und einem enormen Sendungsbewusstsein geprägt.

          Diese als Salafisten bekanntgewordenen rückwärtsgewandten Neuerer behaupteten, dass den Muslimen von ihren religiösen Führern schon viel zu lange eine Version der Religion vorgesetzt werde, die jedes islamischen Inhalts entbehre. Über die Jahrhunderte seien religiöse Wahrheiten zunehmend überlagert worden von importierter griechischer Logik und falschen mystischen Lehren, die das Bekenntnis von Gottes Einheit kompromittierten. Die Lösung – in christliche Begriffe übersetzt – könne nur „sola scriptura“ sein, also der unverstellte, frische Blick auf den Koran und die Aussprüche des Propheten Muhammad ohne den Ballast einer jahrhundertelangen Auslegungstradition. Nur so lasse sich das Wohlwollen Gottes wiedergewinnen und eine islamische Renaissance einleiten.

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