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Brasiliens Mythos : Verführung ist hier Bürgerpflicht

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Brasilien als Allegorie weiblicher Verführung - Bild von der Modewoche Sao Paulo Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Brasilien pflegt seinen nationalen Mythos von Exotik und Erotik. Der Lohn: ein kleines Gefühl der Überlegenheit gegenüber dem puritanischen Nordamerika und den Europäern. Die Last des Bildes tragen die Frauen.

          Oft wirkt Brasilien wie Postkarten, die uns aus südamerikanischer Ferne erreichen. Dramatische Bergsilhouetten schmiegen sich im Licht der Sonnenuntergänge ans schäumende Meer; ebenholzschwarze Frauen mit langen Gewändern und tropischen Blüten im Haar füllen Reis, saftige Früchte und gebratenes Fleisch auf die bunten Tonteller der Restaurants; im weißen Sand der Strände räkeln sich junge Mädchen mit so ausführlicher Genüßlichkeit, als wäre es nötig, daran zu erinnern, daß ihre Bikinis nichts als Gesten des Enthüllens und Versprechen an die Begierde sind.

          Brasilien als Allegorie weiblicher Verführung beherrscht und blockiert weltweit das Bild des Landes. Dieses afro-exuberante Brasilien ist das Land der Küsten von Rio und der nördlichen Bundesstaaten wie Ceara, Bahia oder Pernambuco. Es ist keinesfalls das Brasilien der Pampa an der Grenze zu Uruguay und Argentinien, es ist gewiß nicht die in ihrer chaotischen Intensität stündlich zusammenbrechende und wiederauferstehende Innenstadt von Sao Paulo, und es ist auch nicht die Ruhe des strahlenden Lichts auf der Hochebene um Belo Horizonte.

          Jedenfalls wollen wir alle vier Jahre die charmant verspielte und doch fast immer unschlagbar zielstrebige Eleganz des brasilianischen Fußballs als männlichen Ausdruck unseres erotischen Traums von diesem Land feiern - obwohl doch der fast geizig zu nennende Minimalismus des italienischen und die allzu ungestüme Direktheit des spanischen Fußballs Skepsis gegenüber solchen Gleichungen zwischen sportlichem Formenrepertoire und nationaler Mentalität wecken sollten.

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          Die Last des Bildes tragen die Frauen

          Um Mißverständnissen vorzubeugen: Das Brasilien, von dem man sich verführen lassen möchte, existiert wirklich. Es als „Identitätskonstruktion“ oder gar als bloße Illusion entlarven zu wollen wäre ein banaler Intellektuellenreflex. Erstaunlich ist allein, daß es für die brasilianische Mittelklasse, das heißt: für jenes Viertel oder jenes Drittel der Bevölkerung, das sich langsam zwischen legendärem Reichtum und einer Armut ohne Romantik ausbreitet, zu einer keine Ausnahmen zulassenden Pflicht geworden ist, diesem erotisierten Bild zu entsprechen. Denn viel mehr an Gratifikation als ein kleines Gefühl der Überlegenheit gegenüber den „Gringos“ des puritanischen Nordamerika und gegenüber den sonst eher bewunderten Europäern scheint bei der unablässigen Arbeit am kollektiven Selbst kaum herauszuspringen.

          Die Last dieses Bildes tragen allemal die Frauen. Zur Bestätigung genügt es, eine jener in Südamerika beliebten Illustrierten durchzublättern, deren Fotografen auf Bestellung von den Festen der Politiker, Schauspieler und einfach nur Wohlhabenden in Hochglanz berichten. Dort erscheinen tiefste Ausschnitte als ein unentrinnbarer Standard, vor dem weder Alter noch Übergewicht schützen. Selbst wer kaum Formen zu verbergen hat, steht unter der oft peinlichen Pflicht, mit elementaren Gesten der Enthüllung zu spielen. Kommt man dieser Logik auf die Spur, dann zeigt sich bald, daß die Auslagen der Boutiquen in Brasilien die globalen Trends von Farben und Schnitten ignorieren. Immer nur knapp, gewagt, provozierend wollen die Tops, die Röcke und jedenfalls die Bikinis sein, verheißungsvoll durchsichtig und atemberaubend eng - so, als sei der Karneval im Land permanent und allgegenwärtig.

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