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Brasiliens Angst : „Wir wählen nicht eine Partei, sondern Demokratie oder Autoritarismus“

Brasilianer gehen gegen den Favoriten der Stichwahl am Sonntag auf die Straße. Bild: dpa

Die brasilianische Schriftstellerin Eliane Brum warnt wie andere Autoren und Künstler vor Jair Bolsonaro. Ein Gespräch über die Angst vor verlorenen Privilegien und die Rolle der brasilianischen Frauen bei der morgigen Wahl.

          In den letzten Tagen vor der Stichwahl am Sonntag ist immer wieder von einer Entscheidung der Frauen die Rede. Warum?

          Elena Witzeck

          Redakteurin im Feuilleton.

          Seit dem Ende der Militärdiktatur 1985 ist das die Wahl mit dem größten Stimmenunterschied zwischen Männern und Frauen. Jair Bolsonaro ist Statistiken zufolge besonders unter reichen und gebildeten Männern erfolgreich. Diejenigen, die ihn am vehementesten ablehnen, sind arme Frauen, darunter viele Schwarze. Auch die Gruppe der Unentschiedenen besteht vor allem aus Frauen.

          Seine Kritikerinnen haben innerhalb kurzer Zeit für bemerkenswerten Krawall gesorgt.

          Die Facebook-Gruppe „Vereinte Frauen gegen Bolsonaro“ entstand außerhalb der politischen Zentren in Bahía, im Nordosten des Landes, auf Initiative einer schwarzen Frau, die in einem der ärmsten Stadtviertel von Salvador aufgewachsen ist. Inzwischen hat die Seite fast vier Millionen Mitglieder. Unter dem Hashtag #EleNão gingen am 29. September Hunderttausende auf die Straßen. Es war die größte von Frauen organisierte Demonstration in der Geschichte Brasiliens und die größte dieser Wahlen.

          Wie war das möglich?

          Die Frauen haben wenig Repräsentanz in der brasilianischen Politik. In den vergangenen Jahren gab es allerdings einige Initiativen gegen Chauvinismus und Unterdrückung, darunter die Hashtag-Bewegung #ErsteBelästigung (#PrimeiroAssédio) und die Demonstrationen nach der Ermordung von Marielle Franco, der Stadträtin von Rio de Janeiro – einem Verbrechen übrigens, das bis heute unaufgeklärt ist. In ganz Lateinamerika demonstrieren Frauen inzwischen  gegen Gewalt und Belästigungen. Politik ist immer ein Prozess. Diese Agitation wird Brasilien über die Wahlen hinaus beeinflussen.

          Eliane Brum ist Schriftstellerin und Journalistin.

          Trotzdem hat auch ein erheblicher Anteil der brasilianischen Frauen vor, Bolsonaro zu wählen.

          Das stimmt, der Anteil an Frauen, die sich mit einem Menschen wie Bolsonaro als Präsidenten anfreunden können, wird größer. Es ist unmöglich, von „den Frauen“ Brasiliens zu sprechen. Ihre Gruppe ist nicht homogen. Die Spannungen von Rasse und Klasse sind unter Frauen genauso ausgeprägt. Schwarze Frauen haben ihr eigene Probleme und leiden viel mehr unter Gewalt als weiße. Ein wesentlicher Grund für Bolsonaros Erfolg ist, unter Frauen wie Männern gleichermaßen, die Angst vor dem Verlust von Privilegien.

          Woher kommt die Angst?

          Das hat mit den wenigen politischen Maßnahmen der linken Partei PT zu tun, die alte Machtverhältnisse durcheinander brachten. Lula da Silvas langjährige Regierung war versöhnlich, sie wagte sich an die Vermögen der Reichsten nicht heran. Die Reichen blieben reich und die Armen wurden im besten Fall weniger arm. Strukturelle Veränderungen gab es kaum. Einige politische Entscheidungen der PT hatten wiederum Einfluss auf die Privilegien der Mittelklasse.

          Welche waren das?

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