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Brasiliens Angst : „Wir wählen nicht eine Partei, sondern Demokratie oder Autoritarismus“

Das Thema Schwarzenquoten an Universitäten gehörte dazu. Auf einmal hatten Schwarze mehr Zugang zu einem historisch von einer weißen Elite dominierten Bereich. Sie kamen an die Universitäten und brachten ihre eigenen Erfahrungen, Debattenkulturen und Prioritäten mit. Eine andere wichtige Maßnahme betraf den Status der Hausangestellten. Die Angestellten in Brasilien befanden sich bis zuletzt in einem Abhängigkeitsverhältnis mit unbegrenzten Arbeitszeiten, das einer vorübergehenden Versklavung ähnelte. Die meisten von ihnen sind schwarz, Rechte hatten sie keine. Die Familien der Mittelklasse hatten sich an sie gewöhnt. Wenn es also wirtschaftlich schlecht lief, war immer noch jemand im Haus, der sich um Kinder, Essen, Haushalt kümmerte. Ein Gesetz machte aus ihnen Arbeiterinnen, die zwar ausgebeutet werden, aber immerhin Basisrechte haben. Diese Veränderungen, die tief verwurzelte Privilegien in Frage stellen, verstärken in Krisenzeiten den Hass.

Diejenigen, die Bolsonaro unterstützen, sprechen aber lieber von Korruptionsbekämpfung.

Mit der Korruption zu argumentieren, funktioniert in Brasilien noch besser als Hass zu schüren, denn es gibt wirklich niemanden, der Korruption will. Die Korruption ist aber überall. Bolsonaro hat den Hass nicht erfunden. Er manipuliert und kanalisiert ihn nur. Kleine Erfolge von Minderheiten reichen bereits aus, um ihn zum Ausbruch zu bringen. Diese Wahl offenbart viel über unser Land. Alle Spannungen liegen jetzt offen auf dem Tisch.

Die Spannungen sind allerdings nicht erst in den letzten Jahren entstanden.

Sie hatten dreißig Jahre Zeit zu wachsen. Die Gewaltverbrechen während der Militärdiktatur wurden niemals aufgearbeitet, geschweige denn bestraft. Nach dreißig Jahren suchen Menschen noch immer nach ihren Angehörigen. Bolsonaro und seine Anhänger verehren einen der sadistischsten Folterer dieses Regimes, den Oberst Carlos Alberto Brilhante Ustra. Auf ihren T-Shirts steht „Ustra lebt“, was unerträglich, aber gleichzeitig auch sehr aussagekräftig ist: Ustra lebt, weil er niemals für seine Verbrechen bestraft wurde.

„Jede Geschichte hat zwei Seiten“: T-Shirts des Militär-Obersts Ustra sind in Brasilien wieder im Trend.

Eine der politischen Gefangenen, um die er sich persönlich kümmerte, war Amélia Teles. Sie wurde unter anderem mit Elektroschocks in die Vagina gefoltert. Als sie in Erbrochenem lag, ließ Ustra ihre beiden vier und fünf Jahre alten Kinder hinzuholen. Ihr Sohn fragte, warum sie so blau sei. Im Zuge des Wahlkampfs erinnerte sich Teles, die überlebte, gemeinsam mit ihrer Tochter an dieses Ereignis. Der Film sollte im Wahlprogramm des PT-Kandidaten Fernando Haddad gezeigt werden, wurde aber gerichtlich verboten. Amélia Teles erlebt in den sozialen Medien gerade eine neue Art der politischen Verfolgung.

Auch Kulturschaffende berichten von Einschüchterung und Gewalt. Der Capoeira-Meister Mao do Katandê wurde in Salvador von einem Bolsonaro-Anhänger getötet.

Im ganzen Land werden Menschen bedroht – auf den Straßen und im Netz. Die neuen geflügelten Worte lauten: „Nach dem 28. Oktober kannst du nicht mehr so herumlaufen.“ Zwischen dem 30. September und dem 10. Oktober hat das Informationsnetzwerk Open Knowledge Brasil siebzig gewalttätige Angriffe gezählt, die große Mehrzahl von Bolsonaro-Anhängern. Auf der Avenida Paulista in São Paulo sagte Bolsonaro in dieser Woche vor seinen Anhängern, dass sich jene, die sich widersetzen, entscheiden müssten: ins Ausland oder in Ketten. Er sprach von einer Säuberungsaktion, die es in der Geschichte Brasiliens noch nicht gegeben habe. Wir wählen morgen nicht zwischen der einen oder anderen Partei, sondern zwischen Demokratie und Autoritarismus.

Eliane Brum ist Schriftstellerin, Journalistin und Dokumentarfilmerin. Ihre Sachbücher und Romane, darunter „A Menina Quebrada“ und „Uma Duas“, werden ins Englische übersetzt. Sie schreibt Kolumnen für die spanische Zeitung „El Pais“ und den „Guardian“.

 

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