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Berliner Bündnis gegen Rechts : Radikal dumm

  • -Aktualisiert am

„Kein Bier von Nazi-Fans“: Ob ein Boykott-Aufruf der richtige Weg zur politischen Auseinandersetzung ist, diskutierte ein Podium in Berlin. Bild: obs

Das „Berliner Bündnis gegen Rechts“ ruft zum Boykott einer finnischen Brauereikneipe auf, weil der Besitzer ein „Nazi-Fan“ sein soll. Zu schnell wurden hier vermeintliche Wahrheiten gefunden und diffamierende Urteile gefällt.

          Plötzlich hingen Flugblätter an Haustüren und Briefkästen. Von einer „Traditionspflege für Kriegsverbrecher“ war dort die Rede, an der ein Wirt maßgeblich beteiligt sein soll, fett überschrieben mit „Division Wiking und Waffen-SS“, dazu der Aufruf: „Kein Bier von, für und mit Nazi-Fans.“ Der Ort des Geschehens: Berlin Prenzlauer Berg, der gehobene Teil, gentrifiziert, homogenisiert, entpolitisiert. Aber klar: Nazi-Fans will keiner in der Nachbarschaft haben. Leichtes Spiel für die Urheber, das „Berliner Bündnis gegen Rechts“, das den Besitzer der finnischen Brauereikneipe „Bryggeri Helsinki“, Pekka Kääriäinen, ins Visier nahm und dazu jetzt eine Podiumsdiskussion veranstaltet hat.

          Bis vor kurzem war Kääriäinen Vorsitzender des finnischen Traditionsvereins „Veljesapu-Perinneyhdistys ry“, der aus deutscher Sicht Befremden auslöst. Die Waffen-SS der Nationalsozialisten werde dort heroisiert und fetischisiert, stellte die Historikerin Cordelia Heß fest. Klar wurde aber auch: Die kritische Aufarbeitung der Geschichte ist in Finnland lange ausgeblieben, erst in diesem Jahr ist eine Studie über die Beteiligung der finnischen Freiwilligen in der SS-Einheit „Wiking“ erschienen. Ob die Mitgliedschaft in dem Traditionsverein aber schon ein Beweis dafür ist, ein „Nazi“ zu sein, müsste zunächst einmal überprüft werden – zum Beispiel, indem man das direkte Gespräch mit den Beteiligten sucht, was in diesem Fall ausgeblieben ist. Für die Vertreter des linken Bündnisses war die Wahrheit schnell gefunden: So jemanden wollen wir, die wir auf der guten Seite stehen, in der Nachbarschaft nicht haben. Man könne sich hier nicht mehr sicher fühlen, sagte eine Frau aus dem Publikum. Es sei nur noch eine Frage der Zeit, bis die „Buddies“ des Besitzers hier aufkreuzten, eine andere. Wer Nazis verherrlicht und selbst einer sei, müsse boykottiert werden, bekräftigte David Kiefer vom „Bündnis gegen Rechts“.

          Rufmord und unangemessene Geschichtsbelehrung

          Der Mensch, dem der Boykott-Aufruf gilt, war nicht zum Podium gekommen. Er saß allein in seiner Kneipe. Kääriäinen ist von den Anfeindungen tief getroffen. Vom Vorsitz des Traditionsvereins ist er zurückgetreten. Das alles sei ein Missverständnis, sagt er. „Ich bin kein Nazi, noch nie gewesen.“ In Finnland ist er Mitglied der konservativen Partei Kansallinen Kokoomus. Seitdem er vierzehn ist, gilt seine Leidenschaft dem Brauen von Bier. Und nun sollen die Leute plötzlich nichts mehr bei ihm kaufen?

          Die linken Aktionisten lassen derweil keine Gelegenheit zur Häme aus. Der Wirt stilisiere sich als Opfer, spotteten sie auf Twitter. Doch nicht jeder bei der Podiumsveranstaltung ließ sich davon überzeugen. Von Rufmord war die Rede und einer für die Deutschen unangemessenen Geschichtsbelehrung. „Mich erinnert das zu sehr an den Aufruf: ,Kauft nicht beim Juden‘“, sagte eine Frau, nur sei der Jude jetzt durch einen vermeintlichen Nazi ersetzt. Damit war der Nagel auf den Kopf getroffen: Am meisten nämlich ähneln Anhänger dieser Aktion denjenigen, die sie zu bekämpfen vorgeben. Von dem linken Anspruch, die Gesellschaft durch kritische Einsicht zu verändern und besser zu machen, ist radikalisierte Dummheit geblieben, die die politische Deutungshoheit für sich beansprucht und selbst vor übler Diffamierung nicht zurückschreckt, um eine vermeintliche, in Wahrheit aber auf Exklusion beruhende, linke Solidarität zu verwirklichen.

          Hannah Bethke

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

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