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Frankreich vor dem WM-Finale : Auf dem Boulevard der Sieger

Französische Siegesfeier am Pariser Arc de Triomphe am 12. Juli 1998 Bild: imago/Kolvenbach

Gerade machte sich Ernüchterung über Emmanuel Macron breit. Jetzt ist die Stimmung so heiter wie seit 2015, vielleicht sogar seit dem „blauen Wunder“ von 1998 nicht mehr: Frankreich fühlt sich reif für den Titel.

          Hier wollen am Sonntagabend die Franzosen den Triumph ihrer Nationalmannschaft bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland feiern. Wie vor zwanzig Jahren, als mehr als eine Million auf die Champs-Elysées strömten, nachdem „Les Bleus“ zu Hause ihren ersten Weltmeistertitel in der Geschichte erobert hatten. Es war ein Menschenauflauf und ein Fest wie zuletzt Ende August 1944, als Charles de Gaulle an der Spitze seiner Truppen ins befreite Paris einmarschierte, und am 8. Mai danach, als in Europa wieder Frieden einkehrte. Hier zelebriert man die Siege in Weltkriegen und bei Weltmeisterschaften mit durchaus vergleichbarer Inbrunst.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Am Ende des Monats werden dann auch noch die Helden der Landstraße nach drei Wochen Tour de France auf die Champs-Elysées einschwenken. Das nationale Epos des französischen Sommers erschließt die Geographie des ganzen Landes und führt zum Triumphbogen, auf dessen Eckpfeilern die Namen von fast zweihundert Schlachten, die Napoleon in ganz Europa gewonnen hat, in Stein gemeißelt sind. Der Finalort ist schon da: „Moskava“ steht da geschrieben.

          Ein politisches Problem

          Nach Jahren des Niedergangs erlebt der Boulevard der Sieger eine spektakuläre Renaissance. Macron hat das Vertrauen in Frankreichs Wirtschaft wiederhergestellt. Der Brexit treibt Banken und Versicherungen aus London nach Paris. Norman Foster entwirft eine „Kathedrale für Apple“ mit einem Lichthof und Etagen wie Emporen, der Kauf der Immobilie – 600 Millionen Euro – war die teuerste Transaktion des Jahres: Apple wird auf den Champs-Elysées einen neuen Store und seinen europäischen Hauptsitz eröffnen. Gleich gegenüber will Nike mit seinen Büros und größeren Verkaufsflächen als in London einziehen. Die Galeries Lafayette sind angesagt, ein Hotel „So Sofitel“ mit einem Schwimmbad auf dem Dach ist beim Triumphbogen im Umbau. Der zur Weltausstellung 1900 eingeweihte Grand Palais wird renoviert und soll mit den Fechtwettbewerben der Olympischen Spiele 2024 wiedereröffnet werden. Und heute, am Nationalfeiertag der Franzosen, findet hier wie jedes Jahr das Defilee einer Armee statt, die nie aufgehört hat, Krieg zu führen, und mit dem Macron vor einem Jahr Donald Trump so sehr zu beeindrucken wusste. Nach diesem Prolog zum Finale im fernen Moskau wird Macron bereits zum zweiten Mal in dieser Woche nach Russland reisen.

          Im Siegesfall wird man im Nachhinein zur Einsicht gelangen, dass die Franzosen die Weltmeisterschaft im Halbfinale zwischen England und Kroatien für sich entschieden haben. Nicht wegen der Erschöpfung der bewundernswürdigen Kroaten nach drei Verlängerungen. Sondern weil gegen England zweifellos der Hundertjährige Krieg neu eröffnet und ein „europäisches Endspiel“ zwischen Brexit und Macrons neuem Europa ausgerufen worden wäre. Das nicht ganz unproblematische Verhältnis zu Kroatien haben die Franzosen 1998 geklärt, als sie den Gegner von morgen im Halbfinale ihrer Heim-WM besiegten und dieser zuvor ihren gefürchtetsten Rivalen Deutschland ausgeschaltet hatte. Diesmal haben die Kroaten wegen der Solidaritätsbekundungen für die Ukraine ein politisches Problem, das sie – vor russischem Publikum – stärker lähmen könnte als die physische Müdigkeit.

          Die Avantgarde des unpolitischen Fußballs

          Die Franzosen indes haben die Lehren aus der ideologischen Verklärung und politischen Instrumentalisierung des Fußballs gezogen. Das Scheitern des antifaschistischen Stoßtruppunternehmens der multikulturellen Spieler von 1998 eröffnete Le Pen 2002 den Einzug in die Stichwahl bei der Präsidentschaftswahl. 2010 in Südafrika streikte die einst vergötterte „Islamfraktion“ der Nationalmannschaft. Diesmal gibt es in Frankreich keine Diskussionen um Doppeladler und doppelte Staatsbürgerschaft, um die Zungenbewegungen der Spieler während der Nationalhymne. Mit Erfolg erzog Didier Deschamps seine Mannschaft zur Zurückhaltung und hat skandalanfällige, verhaltensauffällige Stars (wie Benzema) zu Hause gelassen. Eine neue historische Leichtigkeit beseelt „Les Bleus“. Der Bogen der Triumphe wird auf den Fußball und dessen Historisierung auf die sportlichen Siege eingeschränkt: von 1998 zu 2018. Niemand erwartet ein Remake des Sieges über Vichy und den Faschismus. Auch keine Revanche für Napoleons Russland-Feldzug, „Moskava“ war ein Pyrrhussieg.

          Schon nach dem Viertel- und Halbfinale zog es riesige Menschenmassen zum Feiern auf die Champs-Elysées. Sie bejubeln eine Mannschaft, die als Avantgarde des unpolitischen Fußballs beste Aussichten hat, eine zweite Weltmeisterschaft zu erobern. Frankreich, wo sich gerade die Ernüchterung über Macron breitzumachen begann, schwelgt nun in einem Sommermärchen ohne Heilsversprechen. So unbeschwert und heiter war die Stimmung seit den Attentaten der Jahre 2015 und 2016, vielleicht sogar seit dem „blauen Wunder“ von 1998 nicht mehr.

          Und die erste Fußball-Weltmeisterschaft im Winter findet zum Glück erst in vier Jahren statt.

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