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Interview mit Boualem Sansal : Die Anschläge werden nicht aufhören

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Stilles Gedenken am Place de la Republique, zwei Tage nach dem verheerenden Anschlag mit 132 Toten Bild: AFP

Der algerische Schriftsteller Boualem Sansal beschreibt in seinem Roman „2084“ den Totalitarismus einer islamischen Diktatur. Er sagt: Der Westen hat die islamistische Gefahr zu lange unterschätzt. Ein Gespräch.

          Herr Sansal, Sie beschäftigen sich in Ihrem Werk seit Jahren mit der islamistischen Gefahr. Was denken Sie heute, wenige Tage nach den Anschlägen in Paris?

          Ich bin, ehrlich gesagt, nicht überrascht. Die Islamisten sind dabei, sich in Europa einzurichten. Am Freitag haben sie in Paris zugeschlagen, morgen wird es woanders sein. Sie werden nicht aufhören. Die Strategie der Anschläge weist dabei auf ein Ziel hin, das man benennen muss: Es geht ihnen um die Eroberung der Welt. Und dieser Krieg wird längst nicht nur über Gewalt geführt. Die Islamisten nutzen für ihre Mission die verschiedensten Mittel, sie wirken politisch, sie predigen in Moscheen, sie kommunizieren über das Internet und lassen ihre Publikationen weltweit zirkulieren. Das halte ich für das Wesentliche. Mit den Attentaten wollen sie uns terrorisieren, aber die Arbeit im Hintergrund ist mindestens so wichtig.

          „ Es geht ihnen um die Eroberung der Welt“: Der algerische Schriftsteller Boualem Sansal warnt seit langem vor der Gefahr des Islamismus.

          Können Sie die Faszination gerade junger Leute für den Islamismus erklären?

          Die Jugend betreibt seit jeher alles, was sie tut, mit großer Leidenschaft, ob das Musik ist oder Sport. Die Religion ist hier insofern wirkmächtig, als die Islamisten sektiererisch vorgehen. Es geht um Indoktrination. Die Jugend ist desorientiert und sucht nach einem Sinn des Lebens. Diese Lücke füllt die Religion aus. Sie bietet Visionen, politisches Engagement und eine Moral. Diese Zutaten zusammengenommen machen den Islamismus so faszinierend, dass sich inzwischen sogar Christen, Atheisten und Juden unter den Islamisten finden.

          Sie sprechen hier tatsächlich noch immer von Religion?

          Da gibt es zwei Diskurse. Viele Muslime sagen, dass die Gewalt mit dem Islam nichts zu tun habe, sondern eine Religion des Friedens und der Ausgewogenheit sei. Das hat man auch über das Christentum gesagt. Aber Religionen haben eben auch die schlimmsten Extreme in die Welt gebracht, ob das einst die Religionskriege zwischen Protestanten und Katholiken waren oder heute der Krieg zwischen Sunniten und Schiiten. Und die Gruppe derjenigen, die heute glauben, der Islam sei eine Religion der Stärke und Eroberung, nimmt zu. Ich habe diesen Wandel am eigenen Leib erlebt. Ich bin Algerier und lebe in Algerien. Früher praktizierten die Muslime um mich herum ihre Religion unauffällig und tolerant. Heute ist das anders, die Stimmung aufgeheizt. Vor allem die Jugend in Algerien ruft nach einem starken, männlichen, ehrgeizigen Islam. Auch für viele Muslime, die sich in Europa abgehängt fühlen, ist diese Vorstellung attraktiv. Sie sind vielleicht arbeitslos, werden kriminell oder nehmen Drogen. Da schlägt die Stunde der Islamisten. Ihre Manipulation ist perfide.

          Gedenken an die Opfer: Passanten legen vor dem Café Belle Equipe, einem der Orte der Anschläge von Paris, Blumen nieder.

          Warum leben Sie noch immer in Algerien und sind nicht wie viele Ihrer Landsleute ins Exil gegangen? Sie haben 1999 Ihren Posten als hoher Beamter im algerischen Wirtschaftsministerium verloren, Ihre Bücher sind in Algerien verboten, Sie müssen um Ihr Leben fürchten.

          Natürlich habe ich viele Feinde in Algerien, nicht nur die Islamisten, auch unter den Machthabern. Aber ich bin Schriftsteller. Als Intellektueller, der darüber schreibt, dass wir für die Demokratie und gegen die Diktatur kämpfen müssen, kann ich mich doch nicht zugleich nach Paris oder Berlin zurückziehen. Ich muss dieselben Risiken eingehen wie die Menschen, die in Algerien leben. Anders geht es nicht. Obwohl ich mich manchmal durchaus bei dem Gedanken erwische: Jetzt geht es nicht mehr, jetzt gehe ich fort.

          Ihr gerade in Frankreich erschienener Roman „2084“ ist die Dystopie über einen islamistischen Staat. Hätten Sie ihn heute, nach dem schwarzen Freitag, anders geschrieben?

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