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Interview mit Boualem Sansal : Die Anschläge werden nicht aufhören

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Nein, denn das, was jetzt in Paris passiert ist, erleben wir in Algerien seit 1990. In Paris gibt es 129 Tote, in Algerien sind es 250000 Opfer. Ich kenne die Gefahr des Islamismus. Deshalb bestätigt Paris meine Analyse nur. Der Islamismus hat der Menschheit den Krieg erklärt, seine Verfechter wollen die Macht. Weltweit mobilisieren sie Anhänger, und ihnen gegenüber steht – nichts, Leere. Die Demokratien sind schwach. Deshalb werden die Islamisten obsiegen und große Teile der Welt beherrschen. Denken Sie doch nur einmal: Vor zwanzig Jahren gab es sie nicht, und schon heute dominieren sie mehr als dreißig Länder. Und sie gewinnen ständig neue Territorien hinzu, ob in der Sahara, im Irak oder in Syrien. Die Türkei wird von einer islamistischen Partei regiert, Iran, Marokko. Und als Nächstes installieren sie sich in Europa.

Sie glauben doch nicht ernsthaft, dass Frankreich eines Tages islamistisch wird?

Ich rede jetzt nicht von der nächsten Wahl. Was ich meine, ist eher eine psychologische Unterwerfung. Seit Jahren spricht man hier von nichts anderem mehr als vom Islamismus. Das ist für mich durchaus eine Form der Okkupation. Der Islam stammt nicht aus Europa, aber europäische Medien, Regierungen, die Sicherheitspolitik – alles dreht sich nur noch darum. Die Islamisten treiben den Westen vor sich her. Sie brauchen gar keine Ministerposten, sie regieren auf ihre Art. Sie erzeugen eine Stimmung der Angst und des Schreckens, um ihre Ziele durchzusetzen.

Warum stellt sich die arabische Welt nicht geschlossen gegen die Verbrechen des IS?

Das hat viele Gründe. Zum einen haben die Amerikaner lange Zeit in Ländern wie Syrien, Irak oder Afghanistan mit den Islamisten paktiert, um den Kommunismus mit ihrer Hilfe zurückzudrängen. Außerdem glauben tatsächlich viele Bürger in der arabischen Welt, dass die Anschläge von Paris nicht von Islamisten verübt wurden, sondern vom Mossad oder dem französischen Geheimdienst. Um die Stimmung gegen die arabische Welt aufzuheizen. Sie wollen sich aber auch nicht mit der einstigen Kolonialmacht Frankreich solidarisch zeigen. Und außerdem gibt es nicht den einen Islam. Wenn Schiiten Anschläge verüben, ist das den Sunniten herzlich egal, weil sie Gegner sind. Auch Syrien und der Irak, Algerien und Marokko sind verfeindet, niemals würden diese Länder an einem Strang ziehen. Und zuletzt ist es für einen Muslim schwer, einen anderen Muslim zu kritisieren. Schon als Europäer steht man dann unter Verdacht, islamophob zu sein. Über einen Muslim, der sich kritisch äußert, aber heißt es, er sei vom Glauben abgefallen. Das ist sehr gefährlich.

Hat der Westen die islamistische Gefahr unterschätzt?

Natürlich. Der Westen wird die wahre Dimension erst begreifen, wenn sich die Attentate häufen und eine Art urbaner Guerrillakrieg ausbricht.

Sie haben geschrieben, dass der IS an seinen inneren Widersprüchen scheitern wird. Glauben Sie das noch immer?

Unbedingt. Der gewalttätige Islamismus ist eine vorübergehende Entwicklung. Das wird es noch eine Zeitlang geben, vielleicht zwanzig oder dreißig Jahre, aber seine wahre Intention ist die intellektuelle Ausrichtung. Das große Ziel ist die Renaissance des Islams. Dafür steht die Nahda-Bewegung, deren Name nicht zufällig „Wiedererwachen“ heißt. Entstanden in der Zeit, als die arabische Welt kolonisiert war und der Islam zu verschwinden drohte, hatte die Bewegung das Ziel, den Islam mit der Moderne zu verbinden. Heute hat Nahda Millionen Anhänger und wird immer mächtiger. Sie unterhalten karikative Initiativen, Koranschulen und sind in Parlamenten vertreten. Aber es sind fundamentalistische Muslime, deren Mission es ist, den Islam zu neuer Größe zu führen, in Afrika, Asien, Europa.

Wer sind die Unterstützer im Hintergrund, wer finanziert das?

Es ist doch offensichtlich, dass das Geld zum Beispiel aus Saudi-Arabien kommt, dem einzigen Land in der Welt, das einer Familie gehört. Die Amerikaner, die nur zu gern das saudische Öl abnehmen, versprechen im Gegenzug, nicht gegen Saudi-Arabien vorzugehen. Auf Qatar trifft dasselbe zu. Aus diesen Königreichen kommt die Unterstützung.

Haben Sie eigentlich selbst keine Angst, sich öffentlich zu äußern? Leben Sie unter Polizeischutz?

Nein, ich schütze mich selbst. Ich will nicht unter ständiger Beobachtung leben. Ich will mit Leuten reden, ich will aus dem Haus gehen. Aber ich passe auf mich auf. Mehr kann ich nicht tun.

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