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Brexit-Wortführer Boris Johnson : Der Mann, der nie an seine Sätze glaubt

Wer ist der wahre Boris? Johnson bei Madame Tussaud. Bild: AFP

Ein Cocktail aus Humor und krassen Übertreibungen: Bevor Boris Johnson Politiker wurde, war er Journalist. Als Brüsseler Korrespondent schrieb er das Monster herbei, das der Brexit vertreiben soll. Eine Spurensicherung.

          7 Min.

          Am Tag vor dem Tag, an welchem die Bürger Großbritannien über ihre Zukunft abstimmten, unternahm Boris Johnson einen Ausflug in seine eigene Vergangenheit. Für den letzten Termin seiner Kampagne hatte er sich einen besonders traurigen Ort ausgesucht: Wolverhampton, eine mittelgroße Stadt im mittlersten England, die Stadt mit den unglücklichsten Einwohnern des Landes, wie ihr eine Studie im vergangenen Jahr bescheinigt hatte.

          Harald Staun
          (stau), Feuilleton

          Johnson schlenderte die Queen Street entlang, wurde sehr freundlich begrüßt, schüttelte Hände und ertrug jedes Selfie. Aber die größten Fans warteten am Ende seines Spaziergangs, in der Redaktion des „Wolverhampton Express and Star“, wo ihn die Journalisten wie jemand empfingen, der Wesentliches zur Geschichte der Lokalzeitung beigetragen hatte.

          Dabei hatte er dort nur ein dreimonatiges Praktikum absolviert. 1988 war das – und alles, woran sich die Kollegen später erinnern konnten, war seine Vorliebe für Seidenkrawatten und Nadelstreifenanzüge mit breitem Revers. Und sein Hang zum Chaos: Er sei der am schlechtesten organisierte Mensch, den er je getroffen habe, erinnert sich der damalige Nachrichtenredakteur des „Express and Star“ in einer Johnson-Biographie. Johnson werde es nie zu einem guten Reporter bringen, schrieb er in seinem Abschlussbericht.

          Hang zum Chaos

          Ob Boris Johnson ein guter Journalist war, bevor er sich für den Weg in die Politik entschied, lässt sich in diesen Tagen des binären Denkens so schlecht beurteilen wie nie. Ein Referendum unter seinen ehemaligen Kollegen hätte vermutlich ein ähnlich knappes Ergebnis wie das über die EU-Mitgliedschaft.

          Unstrittig aber ist, dass seine journalistische Karriere genauso rasant und erfolgreich verlief wie sein politischer Aufstieg. Er wurde nie ein guter Reporter, aber ein unvergleichlicher politischer Kommentator.

          Thatchers Lieblingsschreiber

          Am Ende brachte er es nicht nur zum Chefredakteur des einflussreichen Magazins „The Spectator“, sondern auch zum Titel des Lieblingsjournalisten von Margaret Thatcher. Und auch wenn es natürlich Unsinn ist, dem Politiker Johnson (und dem Rätsel seiner Popularität) mit psychologisierendem Blick auf die Texte des Journalisten Johnson auf die Spur zu kommen, kommt man dem Prinzip seiner Politik und seiner Selbstinszenierung doch näher, wenn man sich mit seiner journalistischen Arbeit beschäftigt.

          Begonnen also hatte alles im traurigen Wolverhampton. Drei Monate arbeitete Johnson beim „Express and Star“, um sich als Hospitant in der Provinz für einen Job bei der Londoner „Times“ zu bewähren.

          Er war 24, hatte gerade sein Studium in Oxford beendet, wo er als Präsident des Debattierzirkels Oxford Union unter den Männern, die sich selbst als Spitze der Gesellschaft sahen, ganz oben stand. Jetzt sollte er in den Gärten des Black Country nach Bomben aus dem Krieg suchen und mit Bürgern reden, die Ufos gesehen hatten.

          Haben Sie ein Ufo gesehen?

          Er habe seine Zeit in Wolverhampton geliebt, behauptete er in einem Gastbeitrag anlässlich seines Besuchs; seine Biographen behaupten das Gegenteil. Glaubwürdiger ist da schon seine Schilderung, dass die Erfahrungen in Wolverhampton seine Ablehnung der untätigen Labour-Politiker der Region intensivierten: „Es waren die Sporen der Feuchtigkeit, der Schimmel, der sich an den Wänden Wolverhamptons bildete“, die ihn zum Tory machten, schrieb er 2002.

          Zurück in London dauerte es nicht lange, bis Johnson auffällig wurde. Nach ein paar Monaten bei der „Times“ legte er den Grundstein für seinen Ruf als jemand, der keine Skrupel kennt, wenn es um die Manipulation von Fakten geht.

          Keine Skrupel bei den Fakten

          Nachdem in London die Fundamente eines Palasts von Edward II. entdeckt wurden, malte sich Johnson aus, wie der König in dessen Gärten mit seinem Geliebten lustwandelte. Er fand auch einen Experten, der ihm das bestätigte, einen Historiker, der Experte für die Französische Revolution war – und Johnsons‘ Patenonkel. Dummerweise wiesen wahre Experten darauf hin, dass Edwards Lustknabe schon lange tot war, als der Palast gebaut wurde.

          Johnson wurde gefeuert und landete kurz darauf beim konservativen „Daily Telegraph“, wo das turbulenteste Kapitel seiner Karriere begann. Von 1989 bis 1994 berichtete Johnson als Korrespondent aus Brüssel – und wie seine Berichterstattung im Rückblick zu bewerten ist, darüber streiten seine Kollegen spätestens, seit seine Kritik an der EU vom journalistischen Faible zur politischen Agenda wurde.

          Mit Helm gegen alle Risiken: Boris Johnson im Wahlkampf.
          Mit Helm gegen alle Risiken: Boris Johnson im Wahlkampf. : Bild: Bloomberg

          An der Wand von Johnsons Büro in Brüssel hing eine Notiz seines Chefredakteurs Max Hastings, der ihn aufforderte, möglichst „pompös“ zu schreiben. Johnson enttäuschte ihn nicht. Zwar war Euro-Bashing auch vor seiner Zeit schon eine beliebte Disziplin unter britischen Korrespondenten, aber Johnson hatte das besondere Talent, jedes noch so bizarre bürokratische Detail als Atomangriff auf die britische Lebensweise darzustellen.

          Johnson erfand Pläne, das asbestverseuchte Hauptquartier der Kommission, das Berlaymont-Gebäude, in die Luft zu sprengen, oder solche, den höchsten Turm, der Welt zu bauen.

          Kämpfer für Chips und Schokolade

          Vor allem, wenn es ums Essen ging, konnte er nicht widerstehen, um Schokolade, die nicht mehr Schokolade heißen durfte, oder um Chips, die nicht mehr nach Krabben schmecken durften, um Würste, die nicht mehr pink, oder Bananen, die nicht mehr krumm sein durften.

          Boris Johnson war der Meister der Euromythen. „Natürlich war er nicht der Erfinder der Euroskepsis“, schreibt seine Biograpin Sonia Purnell, „aber er half dabei, sie ihren traditionellen Vertretern der Linken aus den Händen zu nehmen und zu einer attraktiven und emotional aufgeladenen Sache für die Rechten zu machen“.

          Der „potente Cocktail aus Humor und krasser Übertreibung“, den er dabei mixte, war so erfolgreich, dass er auch seine Kollegen vor sich hertrieb, die regelmäßig von ihren Heimatredaktionen genötigt wurden, seinem Unsinn hinterherzurecherchieren. Oder, noch besser, auch selbst mal lieber über solche lustigen Bevormundungen zu berichten, nicht nur ständig über witzlose Verhandlungen.

          Darf's noch etwas mehr sein?

          Seine Horrormeldungen trugen auch wesentlich dazu bei, das Klischee der Europäischen Union als Institution zur Entwicklung absurder Gesetze zu erschaffen. „Ein Großteil der britischen Presse war nicht in der Lage, die Europäische Union mit anderen Augen zu sehen“, schrieb vor kurzem der „Times“-Journalist Martin Fletcher, der ein paar Jahre nach Johnson aus Brüssel berichtete.

          Das Monster, dass er durch den „Brexit“ vertreiben wollte, sei gewissermaßen seine eigene Kreatur: „Boris Johnson führt jetzt eine Kampagne gegen eine Karikatur der EU, die er selbst geschaffen hat. Er kämpft gegen eine Fiktion der EU, die nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat“, schrieb Fletcher.

          Dass es Johnson mit der Wahrheit nicht so genau nahm, darüber sind sich die meisten seiner Kollegen von damals einig. Über seine Motive nicht. Zu seiner Zeit in Brüssel nämlich, so kann man in beiden Johnson-Biographien lesen, habe er das Projekt EU in privaten Gesprächen weit weniger kritisch gesehen, als seine Leser glauben mussten.

          Er habe oft ein viel besseres Verständnis von den Feinheiten und Komplexitäten der Europapolitik gehabt als seine Kollegen – nur eben kein Interesse an ausgewogenen Langweilertexten.

          Die Rolle des Skeptikers scheint sich Johnson vielmehr aus strategischen Gründen ausgesucht zu haben: „Boris‘ Genie lag darin, zu erkennen, dass die Berichterstattung aus Brüssel zu einem gemütlichen Kartell geworden war, in dem die verschiedenen Korrespondenten die Aktivitäten der EU ziemlich wohlwollend darstellten“, schreibt Purnell. „Er sah eine kommerzielle Gelegenheit – die Chance, sich einen Namen zu machen, indem er tat, was er am besten konnte: anders zu sein.“

          Die Beschimpfung der Yucca-Palme

          Glaubt man Purnell, so ließ sich diese Transformation regelmäßig in einem Ritual namens „Vier-Uhr-Anfall“ beobachten. Johnson wartete, bis seine Sekretärin gegangen war, schloss die Tür und begann, wüste Beschimpfungen in Richtung einer Yucca-Palme auszustoßen. Angeblich habe er noch heute eine Narbe an der Hand, weil er einmal in seinem Wahn einen Kugelschreiber zerbrochen hatte.

          Der Verdacht, es sei Johnson nie darum gegangen, seine politische Überzeugung zu verbreiten, sondern nur um maximale Aufmerksamkeit, begleitet ihn bis heute. Und womöglich ist das Boris Johnsons größte Lüge: dass er selbst gar nicht an seine Sätze glaubt.

          Dass er dabei ein beunruhigend unbekümmertes Verhältnis zur Wirkung seiner Krawallaktionen hat, zeigte sich auch am Beispiel seines wohl größten Coups in Brüssel: In einem Nachwort zu einer Sammlung seiner Texte erzählte Johnson stolz die Geschichte, wie 1992 sein Artikel über die Pläne des damaligen Kommissionspräsidenten Jacques Delors die Dänen dazu brachte, den Maastrichter Vertrag abzulehnen.

          Der Text wurde in Dänemark tausendfach kopiert, die Schlagzeile „Delors plant, die EU zu beherrschen“ wurde auf Plakaten durch die Straßen von Kopenhagen getragen. „Am zweiten Juni“, schreibt Johnson, „einem spektakulär sonnigen Tag, lehnten sie freudig den Vertrag ab und ließen das Projekt entgleisen“.

          Schon als Journalist schien es Johnson weniger um seine politische Wirkung zu gehen als um ein möglichst unberechenbares Spektakel. Seine Texte aus Brüssel, schrieb er einmal, seien wie „Steine, die man über eine Gartenmauer wirft, um den erstaunlichen Knall im Glashaus nebenan in England zu hören. Alles, was ich aus Brüssel schrieb, hatte diesen erstaunlich explosiven Effekt auf die konservative Partei und gab mir wirklich dieses ziemlich seltsame Gefühl der Macht.“

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          Wie ein Kind, das Frösche aufbläst

          Auch später fiel er immer wieder durch seine anarchische Lust am Chaos auf. Er sei ein Typ, beschrieb ein Kollege vom „Spectator“, der an keinem Knopf mit der Aufschrift „Bitte nicht drücken“ vorbeigehen kann, ohne zu drücken. Dass Johnson dabei wie ein Kind klingt, das Frösche aufbläst und nicht versteht, warum das Tierquälerei sein soll, hat ihm lange geholfen, dass ihm noch die größten Fehler verziehen wurden.

          Er kam nicht nur mit den erstaunlichsten Skandalen davon, sondern profitierte meistens noch davon. Er perfektionierte die Methode, Dinge getan zu haben, die man anschließend mit schelmischen Grinsen bereuen kann – auch eine Marktlücke.

          Als „ehrliche Unaufrichtigkeit“ hat Johnsons langjähriger Kollege Toby Young dessen politischen Stil beschrieben: Weil die Wähler den Politikern sowieso nichts glauben, sei der einzige Akt der Ehrlichkeit, ihre Intelligenz nicht zu beleidigen und Aufrichtigkeit gar nicht erst vorzutäuschen.

          Dass er es mit seinem Lausbubenprinzip überhaupt bis zum Bürgermeister von London gebracht hat, ist wohl vor allem ein Misstrauensvotum gegen all jene Politiker, die außer ihrem Verantwortungsbewusstsein nicht viel zu bieten haben.

          Mit seinem letzten Stein aber hat Boris Johnson im Glashaus England nun mehr Schaden angerichtet, als er wohl selbst beabsichtigt hatte. Dass seine Methoden ihn nun nicht auch noch ins Amt des Premierministers bringen, dorthin also, wo es Knöpfe gibt, die man auf gar keinen Fall drücken sollte, nur um zu sehen, was passiert, klingt für viele wie eine Erleichterung.

          Es gebe in der Politik nichts Schlimmeres als „Kommentatoren, die erfolgreich wurden, weil sie das öffentliche Leben als Spiel betrachten“, warnte der Journalist Nick Cohen Journalisten, die auf jede noch so schwere Frage eine einfach Antwort haben. Vor Boris Johnson ist das Land nun erst einmal sicher. Aber sein Kontrahent Michael Gove ist noch da, noch so ein ehemaliger Schlaumeier. Und der bringt sogar seine Frau mit.

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