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Brexit-Wortführer Boris Johnson : Der Mann, der nie an seine Sätze glaubt

Wer ist der wahre Boris? Johnson bei Madame Tussaud. Bild: AFP

Ein Cocktail aus Humor und krassen Übertreibungen: Bevor Boris Johnson Politiker wurde, war er Journalist. Als Brüsseler Korrespondent schrieb er das Monster herbei, das der Brexit vertreiben soll. Eine Spurensicherung.

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          Am Tag vor dem Tag, an welchem die Bürger Großbritannien über ihre Zukunft abstimmten, unternahm Boris Johnson einen Ausflug in seine eigene Vergangenheit. Für den letzten Termin seiner Kampagne hatte er sich einen besonders traurigen Ort ausgesucht: Wolverhampton, eine mittelgroße Stadt im mittlersten England, die Stadt mit den unglücklichsten Einwohnern des Landes, wie ihr eine Studie im vergangenen Jahr bescheinigt hatte.

          Harald Staun

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Johnson schlenderte die Queen Street entlang, wurde sehr freundlich begrüßt, schüttelte Hände und ertrug jedes Selfie. Aber die größten Fans warteten am Ende seines Spaziergangs, in der Redaktion des „Wolverhampton Express and Star“, wo ihn die Journalisten wie jemand empfingen, der Wesentliches zur Geschichte der Lokalzeitung beigetragen hatte.

          Dabei hatte er dort nur ein dreimonatiges Praktikum absolviert. 1988 war das – und alles, woran sich die Kollegen später erinnern konnten, war seine Vorliebe für Seidenkrawatten und Nadelstreifenanzüge mit breitem Revers. Und sein Hang zum Chaos: Er sei der am schlechtesten organisierte Mensch, den er je getroffen habe, erinnert sich der damalige Nachrichtenredakteur des „Express and Star“ in einer Johnson-Biographie. Johnson werde es nie zu einem guten Reporter bringen, schrieb er in seinem Abschlussbericht.

          Hang zum Chaos

          Ob Boris Johnson ein guter Journalist war, bevor er sich für den Weg in die Politik entschied, lässt sich in diesen Tagen des binären Denkens so schlecht beurteilen wie nie. Ein Referendum unter seinen ehemaligen Kollegen hätte vermutlich ein ähnlich knappes Ergebnis wie das über die EU-Mitgliedschaft.

          Unstrittig aber ist, dass seine journalistische Karriere genauso rasant und erfolgreich verlief wie sein politischer Aufstieg. Er wurde nie ein guter Reporter, aber ein unvergleichlicher politischer Kommentator.

          Thatchers Lieblingsschreiber

          Am Ende brachte er es nicht nur zum Chefredakteur des einflussreichen Magazins „The Spectator“, sondern auch zum Titel des Lieblingsjournalisten von Margaret Thatcher. Und auch wenn es natürlich Unsinn ist, dem Politiker Johnson (und dem Rätsel seiner Popularität) mit psychologisierendem Blick auf die Texte des Journalisten Johnson auf die Spur zu kommen, kommt man dem Prinzip seiner Politik und seiner Selbstinszenierung doch näher, wenn man sich mit seiner journalistischen Arbeit beschäftigt.

          Begonnen also hatte alles im traurigen Wolverhampton. Drei Monate arbeitete Johnson beim „Express and Star“, um sich als Hospitant in der Provinz für einen Job bei der Londoner „Times“ zu bewähren.

          Er war 24, hatte gerade sein Studium in Oxford beendet, wo er als Präsident des Debattierzirkels Oxford Union unter den Männern, die sich selbst als Spitze der Gesellschaft sahen, ganz oben stand. Jetzt sollte er in den Gärten des Black Country nach Bomben aus dem Krieg suchen und mit Bürgern reden, die Ufos gesehen hatten.

          Haben Sie ein Ufo gesehen?

          Er habe seine Zeit in Wolverhampton geliebt, behauptete er in einem Gastbeitrag anlässlich seines Besuchs; seine Biographen behaupten das Gegenteil. Glaubwürdiger ist da schon seine Schilderung, dass die Erfahrungen in Wolverhampton seine Ablehnung der untätigen Labour-Politiker der Region intensivierten: „Es waren die Sporen der Feuchtigkeit, der Schimmel, der sich an den Wänden Wolverhamptons bildete“, die ihn zum Tory machten, schrieb er 2002.

          Zurück in London dauerte es nicht lange, bis Johnson auffällig wurde. Nach ein paar Monaten bei der „Times“ legte er den Grundstein für seinen Ruf als jemand, der keine Skrupel kennt, wenn es um die Manipulation von Fakten geht.

          Keine Skrupel bei den Fakten

          Nachdem in London die Fundamente eines Palasts von Edward II. entdeckt wurden, malte sich Johnson aus, wie der König in dessen Gärten mit seinem Geliebten lustwandelte. Er fand auch einen Experten, der ihm das bestätigte, einen Historiker, der Experte für die Französische Revolution war – und Johnsons‘ Patenonkel. Dummerweise wiesen wahre Experten darauf hin, dass Edwards Lustknabe schon lange tot war, als der Palast gebaut wurde.

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