https://www.faz.net/-gqz-8iwr1

Brexit-Wortführer Boris Johnson : Der Mann, der nie an seine Sätze glaubt

Die Beschimpfung der Yucca-Palme

Glaubt man Purnell, so ließ sich diese Transformation regelmäßig in einem Ritual namens „Vier-Uhr-Anfall“ beobachten. Johnson wartete, bis seine Sekretärin gegangen war, schloss die Tür und begann, wüste Beschimpfungen in Richtung einer Yucca-Palme auszustoßen. Angeblich habe er noch heute eine Narbe an der Hand, weil er einmal in seinem Wahn einen Kugelschreiber zerbrochen hatte.

Der Verdacht, es sei Johnson nie darum gegangen, seine politische Überzeugung zu verbreiten, sondern nur um maximale Aufmerksamkeit, begleitet ihn bis heute. Und womöglich ist das Boris Johnsons größte Lüge: dass er selbst gar nicht an seine Sätze glaubt.

Dass er dabei ein beunruhigend unbekümmertes Verhältnis zur Wirkung seiner Krawallaktionen hat, zeigte sich auch am Beispiel seines wohl größten Coups in Brüssel: In einem Nachwort zu einer Sammlung seiner Texte erzählte Johnson stolz die Geschichte, wie 1992 sein Artikel über die Pläne des damaligen Kommissionspräsidenten Jacques Delors die Dänen dazu brachte, den Maastrichter Vertrag abzulehnen.

Der Text wurde in Dänemark tausendfach kopiert, die Schlagzeile „Delors plant, die EU zu beherrschen“ wurde auf Plakaten durch die Straßen von Kopenhagen getragen. „Am zweiten Juni“, schreibt Johnson, „einem spektakulär sonnigen Tag, lehnten sie freudig den Vertrag ab und ließen das Projekt entgleisen“.

Schon als Journalist schien es Johnson weniger um seine politische Wirkung zu gehen als um ein möglichst unberechenbares Spektakel. Seine Texte aus Brüssel, schrieb er einmal, seien wie „Steine, die man über eine Gartenmauer wirft, um den erstaunlichen Knall im Glashaus nebenan in England zu hören. Alles, was ich aus Brüssel schrieb, hatte diesen erstaunlich explosiven Effekt auf die konservative Partei und gab mir wirklich dieses ziemlich seltsame Gefühl der Macht.“

Brexit : Boris Johnson will nicht neuer britischer Regierungschef werden

Wie ein Kind, das Frösche aufbläst

Auch später fiel er immer wieder durch seine anarchische Lust am Chaos auf. Er sei ein Typ, beschrieb ein Kollege vom „Spectator“, der an keinem Knopf mit der Aufschrift „Bitte nicht drücken“ vorbeigehen kann, ohne zu drücken. Dass Johnson dabei wie ein Kind klingt, das Frösche aufbläst und nicht versteht, warum das Tierquälerei sein soll, hat ihm lange geholfen, dass ihm noch die größten Fehler verziehen wurden.

Er kam nicht nur mit den erstaunlichsten Skandalen davon, sondern profitierte meistens noch davon. Er perfektionierte die Methode, Dinge getan zu haben, die man anschließend mit schelmischen Grinsen bereuen kann – auch eine Marktlücke.

Als „ehrliche Unaufrichtigkeit“ hat Johnsons langjähriger Kollege Toby Young dessen politischen Stil beschrieben: Weil die Wähler den Politikern sowieso nichts glauben, sei der einzige Akt der Ehrlichkeit, ihre Intelligenz nicht zu beleidigen und Aufrichtigkeit gar nicht erst vorzutäuschen.

Dass er es mit seinem Lausbubenprinzip überhaupt bis zum Bürgermeister von London gebracht hat, ist wohl vor allem ein Misstrauensvotum gegen all jene Politiker, die außer ihrem Verantwortungsbewusstsein nicht viel zu bieten haben.

Mit seinem letzten Stein aber hat Boris Johnson im Glashaus England nun mehr Schaden angerichtet, als er wohl selbst beabsichtigt hatte. Dass seine Methoden ihn nun nicht auch noch ins Amt des Premierministers bringen, dorthin also, wo es Knöpfe gibt, die man auf gar keinen Fall drücken sollte, nur um zu sehen, was passiert, klingt für viele wie eine Erleichterung.

Es gebe in der Politik nichts Schlimmeres als „Kommentatoren, die erfolgreich wurden, weil sie das öffentliche Leben als Spiel betrachten“, warnte der Journalist Nick Cohen Journalisten, die auf jede noch so schwere Frage eine einfach Antwort haben. Vor Boris Johnson ist das Land nun erst einmal sicher. Aber sein Kontrahent Michael Gove ist noch da, noch so ein ehemaliger Schlaumeier. Und der bringt sogar seine Frau mit.

Weitere Themen

Topmeldungen

Neue Nummer drei: Elise Stefanik im Januar 2020 nach Trumps Freispruch im Weißen Haus.

Machtkampf der Republikaner : Aufstieg einer glühenden Trumpistin

Die vergangenen Tage haben eindrücklich gezeigt: Auch nach der Wahlniederlage hat Donald Trump die Fraktion der Republikaner unter Kontrolle. Sein neuester Coup ist die Beförderung von Elise Stefanik.

Nahost-Konflikt : Hamas feuern Raketen auf Jerusalem

Gegen 18 Uhr Ortszeit wurden aus Gaza-Stadt Dutzende Raketen in Richtung Jerusalem abgefeuert – ein Zivilist wurde verletzt. Auf dem Tempelberg ist ein weithin sichtbares Feuer ausgebrochen.
Cybergangster kommen nicht durchs Tor: Tankanlagen an einer Abzweigung im Pipeline-System von Colonial im Bundesstaat Alabama

Hackerangriff auf Pipeline : Lösegeld für das schwarze Gold

Eine Cyberattacke in den Vereinigten Staaten beeinträchtigt den Transport von Öl. Sollten die Folgen anhalten, könnten auch hierzulande Öl und Benzin nochmal teurer werden.
Hat gut lachen: Hamburgs Interimstrainer Horst Hrubesch (rechts) klatscht mit HSV-Spieler Moritz Heyer ab.

5:2 gegen Nürnberg : Mit Hrubesch läuft es beim HSV

Mit Interimstrainer Horst Hrubesch siegt Hamburg gegen Nürnberg deutlich. Damit wahrt der HSV eine kleine Chance auf den Aufstieg. Doch auch Konkurrent Kiel holt gegen Hannover drei Punkte.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.