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Boris Johnsons Empörung : Weniger speziell

Boris Johnson Ende April bei einer virtuellen Klima-Konferenz im Briefing Room seines Amtssitzes in der Londoner Downing Street Bild: AP

Vor dem Besuch des amerikanischen Präsidenten will der britische Premierminister nicht mehr von einer special relationship zwischen beiden Ländern sprechen. Wie hatte Donald Trump seinerzeit das Verhältnis noch genannt?

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          Morgen tritt Joe Biden seine erste Auslandsreise als Präsident der Vereinigten Staaten an. Wenn man bedenkt, dass seine Amtsvorgänger bis zum Jahr 1918, als Woodrow Wilson zu den Pariser Friedensverhandlungen fuhr, nie ihr Land verlassen hatten, scheint eine fünfmonatige präsidiale Konzentration aufs Innenpolitische nichts Besonderes zu sein. Aber Politik blickt ja lieber nach vorne als zurück.

          Alle Welt wird morgen auf den reisenden Biden schauen, und der bemühte sich denn auch, seine Reise schon vorab so speziell wie möglich zu machen: mit der Ankündigung, gleich zum Auftakt in einem Gespräch mit dem britischen Premierminister Boris Johnson die besondere Beziehung zum Vereinigten Königreich zu bekräftigen. Diese special relationship zwischen dem früheren Mutterland und dessen abtrünnigen amerikanischen Kolonien hatte 1946 Winston Churchill ausgerufen – in einem Moment, als die Vereinigten Staaten nach dem Zweiten Weltkrieg auf dem Höhepunkt ihrer Macht standen und Großbritannien vor dem Zerbröckeln seines Weltreichs. Man durfte die Beziehung also in der Tat als speziell empfinden: Der kranke Mann vom Nordseestrand lehnte sich beim kraftstrotzenden transatlantischen Jüngling an.

          Dieses Kräfteverhältnis hat sich trotz deutlich geschwächter amerikanischer Führungsrolle in der Welt seitdem wenig verändert, denn zu größerem Selbstbewusstsein der Briten gab und gibt es ja auch keinen Anlass. Deshalb darf man es als erstaunlichen Zugewinn an Realitätssinn verbuchen, dass Boris Johnson seinem morgen eintreffenden Gast schon vor dessen Ankunft sein Missvergnügen über den Gebrauch des Schlagworts von der special relationship mitteilen ließ: Der Begriff suggeriere ein „bedürftiges und schwaches“ Großbritannien.

          Wie recht er damit hat! Nur hatte das keinen seiner vierzehn Amtsvorgänger seit und inklusive Churchill je gestört. Sie alle waren wohl wie der portugiesische Fußballtrainer José Mourinho, der sich selbst den Beinamen „the special one“ gab, der Ansicht, Besonderheit bedeutete per se etwas Positives. Johnson dagegen tritt nun in die Fußstapfen von Jürgen Klopp, der bei seinem Antritt als Trainer des FC Liverpool in bewusster Abgrenzung zum bei der englischen Konkurrenz beschäftigten Mourinho erklärt hatte, er verstehe sich als „the normal one“ – um dann mit Champions-League- und Meisterschaftstriumph etwas Außerordentliches, für Liverpools jüngere Vereinsgeschichte jedenfalls durchaus Anormales zu leisten.

          Von „the normal one“ lernen heißt siegen lernen: Diese Lehre dürfte Johnson verinnerlicht haben, der bislang nicht durch Anflüge von Bescheidenheit aufgefallen war. Aber es passt ja: Was geht einen britischen Premierminister seines Formats Churchills Geschwätz von gestern an? Zumal der gute Kumpel Donald Trump nicht mehr in Washington regiert, der das Verhältnis zum Vereinigten Königreich noch auf the highest level of special gesehen hatte. Tiefer herablassend ging es kaum. Unwidersprochen von Johnson.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

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