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Debatte in Großbritannien : Wie gut sind die Witze von Boris Johnson?

  • -Aktualisiert am

Seine Beliebtheit schmerzt seine Kritiker am meisten: Boris Johnson Bild: AFP

Viele Briten finden Boris Johnsons Vergleiche von Burka tragenden Frauen mit Briefkästen geschmacklos. Unterstützung bekommt er jetzt von einem berühmten Komiker.

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          Mr. Bean, alias Rowan Atkinson, der den tolpatschig-rücksichtslosen Blödmann der gleichnamigen Fernsehkomödie erfunden hat, ist amüsiert. In einem Leserbrief an die Londoner „Times“ hat der britische Schauspieler sein Urteil zu Boris Johnsons frotzelnden Bemerkungen über die Burka gesprochen, die in der nachrichtendürren Urlaubszeit wie Zündholz gewirkt haben. Mit seiner charakteristisch mokanten Feder hatte Johnson in seiner Kolumne für den „Daily Telegraph“ Burka tragende Frauen mit Briefkästen und Bankräubern verglichen. Vor lauter Aufregung über seine vermeintliche Islamophobie vergaßen oder übersahen seine Kritiker, dass der ehemalige Außenminister im Sinne des freiheitlichen Denkens von John Stuart Mill entschieden gegen das Verschleierungsverbot argumentierte, weil dieses in die Hände derer spiele, die den „sogenannten Zusammenprall der Kulturen politisieren und dramatisieren wollen“. Johnson verteidigte das Recht erwachsener Frauen, frei zu wählen, wie sie sich anziehen, machte aber keinen Hehl aus seiner Ablehnung der Burka, die er als „bizarre und unansehnliche Zierde“ bezeichnete.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Als „lebenslanger Begünstigter der Freiheit, Witze über die Religion zu machen“, befand Atkinson Johnsons Briefkasten-Metapher für „ziemlich gut“. Alle Witze über die Religion erregten Ärger, deswegen sei es sinnlos, sich dafür zu entschuldigen, schrieb Atkinson. Entschuldigungen seien bloß für schlechte Witze angebracht. Dementsprechend sei in diesem Fall keine Entschuldigung notwendig.

          Humor und Geschmack sind subjektiv. Nicht jeder kugelt sich bei den Slapstick-Ungeschicken von Mr. Bean vor Lachen. Auch Johnsons Komik ist immer Geschmackssache gewesen. Der ironisch-überspitzte Stil, mit dem er nach der Art von Karikaturisten ernste Fragen leicht angeht, stößt auf breite Ablehnung. Viele finden seine Vergleiche muslimischer Frauenkleidung mit Briefkästen und Bankräubern weder komisch noch sehen sie die Grenzen des guten Geschmacks gewahrt.

          Die Kolumne als Teil einer gezielten Strategie

          Die Beliebtheit Johnsons widerstrebt seinen Gegner am meisten. Die Befürchtung, dass der Populist, dessen politische Zukunft nach seinem Rücktritt als Außenminister vor einem Monat trüb aussah, doch noch seine Ambitionen für das Premierministeramt erfüllen könnte, heizt den Sturm um die Burka-Kolumne an, nicht nur, weil er als unzulänglich und unberechenbar betrachtet wird, sondern vor allem wegen seiner Befürwortung des Brexit, die beim Referendum womöglich ausschlaggebend war. In der Entrüstung über seine flapsigen Bemerkungen verschmelzen die Empfindlichkeiten der multikulturellen Identitätsgesellschaft mit dem durch die tiefe Spaltung des Landes in der Brexit-Frage verschärften politischen Affekt.

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          Johnsons Widersacher, zumal jene in der eigenen Partei, die seinen Aufstieg vereiteln wollen, sehen die Kolumne als Teil einer gezielten Strategie, sich für einen möglichen Kampf um die Führung der Konservativen Partei als rechtspopulistischer Kandidat zu positionieren, obwohl der Redakteur, der seine Texte jahrelang im „Telegraph“ betreute, auf die chaotische Arbeitsweise des Kolumnisten hingewiesen hat, der immer auf dem letzten Drücker abliefere und nicht fähig sei, mehr als fünf Minuten im Voraus zu planen. Das hat Johnsons Ehrgeiz freilich nie im Wege gestanden. Deshalb kommt der Burka-Streit seinen Gegnern gelegen. Mit ihrem ungeschickten Vorgehen drohen sie allerdings, Johnsons Beliebtheit zu steigern, indem sie ihm erlauben, sich vor der Mehrheit der Briten, die, Umfragen zufolge, ein Burka-Verbot gutheißen würde, als Opfer der politischen Korrektheit zu stilisieren.

          Aus den empörten Kommentaren geht hervor, dass viele die Kolumne gar nicht gelesen haben oder sie bewusst missverstehen wollen und außer Acht lassen, dass muslimische Frauen, teilweise unter dem Schutz der Anonymität, Johnson beigepflichtet haben, oder dass ein Oxforder Imam auf den direkten Bezug zwischen der Vollverschleierung und dem systematischen Missbrauch von Minderjährigen durch muslimische Banden hingewiesen hat.

          Gewiss mag man im gegenwärtigen Klima fragen, ob es selbst bei der Verteidigung einer liberalen Position angebracht ist, Metaphern zu verwenden, die als beleidigend aufgefasst werden könnten. Johnson steht damit allerdings in der langen Tradition von Autoren, die sich der Satire und des Humors bedienen, um heikle Fragen aufzugreifen. Er hat dies bereits vor fast fünfzehn Jahren in seinem Roman „72 Jungfrauen“ über einen pannenreichen islamistischen Terrorangriff auf das britische Parlament getan. Darin versuchte er auf seine überspitzte humoristische Art, sich in die Köpfe von jungen britischen Muslimen hineinzuversetzen, die sich aufgrund ihrer Entfremdung von der westlichen Gesellschaft, unter anderem durch die Greueltaten von Abu Ghraib, für den Terror rekrutieren ließen. „Die kulturelle tektonische Reibung zwischen Ost und West“, die er in dem Roman thematisiert, wird die Politik beschäftigen, wenn Johnson die politische Bühne längst verlassen hat.

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