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Blick in die Literatur : Sind Fragen nach der Herkunft ausgrenzend?

  • -Aktualisiert am

Hier soll Odysseus seine von den Phäakern erhaltenen Schätze versteckt haben, bevor er verkleidet nach Hause zurückkehrte: Eingang der Nymphengrotte auf Ithaka. Bild: Picture-Alliance

Wer bist du? Woher kommst du? Was machst du? In der Frage nach der Herkunft sieht mancher einen Ausdruck für Ausgrenzung. Dabei zeigt die Literatur, wie uralt und menschlich dieses Interesse ist. Ein Gastbeitrag.

          5 Min.

          Als Odysseus von seinen langen Irrfahrten in seine Heimat Ithaka zurückkehrt, wird er, von der Göttin Athene in einen zerlumpten Greis verwandelt, vom Sauhirten Eumäos aufgenommen. Der Sauhirt erkennt seinen Herrn natürlich nicht mehr und lädt den Fremden in seine Hütte ein: „Aber folge mir, Greis, in meine Hütte, damit du, / Wann sich deine Seele mit Brot und Weine gelabt hat, / Sagest, von wannen du kommst und welche Leiden du littest.“

          „Wannen“, ein im achtzehnten Jahrhundert noch gebräuchliches Wort, bedeutet so viel wie „woher“. Der Sauhirt fragt also „Woher kommst du?“ Und nachdem er Odysseus mit Fleisch, Brot und Wein bewirtet hat, fragt er Odysseus noch einmal: „Wer, wes Volkes bist du und wo ist deine Geburtsstadt? / Und in welcherlei Schiff kamst du? Wie brachten die Schiffer / Dich nach Ithaka her?“ Odysseus gibt sich noch nicht zu erkennen. Er erzählt eine fiktive Herkunftsgeschichte, verheißt aber dem ungläubigen Sauhirten seine Wiederkehr. So dichtet Homer im Vierzehnten Gesang der „Odyssee“.

          Notwendige Wahrnehmungsmuster

          Diese Frage „Woher kommst du?“ oder „Woher kommen Sie“ wird seit einiger Zeit von gesellschaftlichen Gruppen mit einem Tabu belegt. Immer wieder wird sie angeführt als typischer, tückischer Ausdruck einer Ausgrenzung, einer Fremdenfeindlichkeit, ja eines Rassismus, weil sie den Adressaten mit dem Anschein einer fremden Herkunft auf sein Fremdsein, seine Nichtzugehörigkeit festlege, weil sie ihn ausstoße. Unlängst wurde in einer Tageszeitung mit beifälliger Freude an der Antwort berichtet, dass die so Gefragte immer antworte: „Da durch die Tür.“

          Tabuisiert werden soll mit einer solchen Antwort nicht nur die Frage selbst, sondern schon die schiere Wahrnehmung von Unterschieden, von für die Alltagsorientierung notwendigen Wahrnehmungsmustern wie, in allen Schattierungen, das Vertraute und das Fremde, das Übliche und das Unübliche, das Typische und das Untypische. Dass Menschen eine Herkunft, eine Geschichte haben, soll nicht zählen.

          Wie Homers Beispiel zeigt, ist die Frage uralt. Sie ließe sich in der Literatur verfolgen bis zu Saint-Exupérys „Der kleine Prinz“. Metaphysisch hat sie der Aufklärer Voltaire aufgeladen. Jedes Wesen des Weltalls könne gefragt werden: „Wer bist du? Woher kommst du? Was machst du?“

          Ganz verteufelt human

          Diese Frage wird auch in Goethes Drama „Iphigenie auf Tauris“ gestellt. Nachdem er seine Mutter erschlagen hat, weil sie mit ihrem Liebhaber seinen Vater ermordet hat, gelangt Orest, von den Erinnyen gejagt, mit seinem Freund Pylades nach Tauris. Hier soll er Hilfe finden, wie Apollo verheißen hat. Sie werden gefangen. Beide wissen nicht, dass die Priesterin der Insel Orests Schwester Iphigenie ist. Sie hatte König Thoas davon überzeugt, das alte Ritual abzuschaffen, alle Fremdlinge den Göttern zu opfern. Pylades nähert sich ihr, um sie für seinen Rettungsplan zu gewinnen. Iphigenie spricht ihn an: „Woher du kommst und seist, o Fremdling, sprich, / Mir scheint es daß ich eher einem Griechen / Als einem Scythen dich vergleichen soll.“ Das Drama wird gut ausgehen.

          Iphigenie und Orest werden sich erkennen, Iphigenie, Orest und Pylades werden ihre Freiheit nicht durch Betrug, Raub und Vertrauensbruch gewinnen, sondern durch Iphigenies Hoffnung, dass Thoas die Stimme der „Wahrheit und Menschlichkeit“ höre. Thoas hört sie und lässt die drei Griechen mit einem „Lebt wohl!“ ziehen. „Ganz verteufelt human“ nannte Goethe später diese Utopie, in der die Opferung der Fremden, die Kette der Greuel durch die Kraft des Redens, durch die Stimme der für Skythen und Griechen, für alle geltenden Menschlichkeit überwunden wird.

          Das eigene Sprachverständnis wird absolut gesetzt

          Die Frage „Woher kommst du?“ ist, wird man sagen können, naheliegend beim Anschein einer fremdartigen Herkunft. Wissen will sie, mit wem man es möglicherweise zu tun hat. Sie geht davon aus, dass die Herkunft, die Geschichte eines Menschen Auskunft über ihn gibt. Diese Frage kann natürlich bösartig gestellt werden. Dass sie in der gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation auch so gestellt wird, ist nicht zu bezweifeln. Die Frage kann den Betroffenen durchaus auch auf die Nerven gehen. Man kann aber vermuten, dass sie in den meisten Fällen neugierig, an der Person und ihrer Geschichte interessiert, menschenfreundlich gemeint ist, dass mit ihr ein Gespräch eröffnet werden soll. Viele Spielarten einer Antwort, die die Tür zu einem Gespräch nicht zuschlägt, ließen sich denken.

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