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Blick in die Literatur : Sind Fragen nach der Herkunft ausgrenzend?

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Die Tabuisierung dieser Frage wird häufig begründet mit einer sprachkritischen Erklärung, die es in sich hat. Sie kann man als baren Unsinn nicht einfach abtun. Es komme nicht, wird gesagt, auf die Intention des Sprechers an, nicht darauf also, wie die Frage „Woher kommst du?“ gemeint ist, und sei sie noch so menschenfreundlich gemeint, sondern auf die Frage als solche, auf das Gesagte als solches. So wurde auch vor Jahren in Astrid Lindgrens Roman „Pipi Langstrumpf“ der Ausdruck „Negerkönig“ (Übersetzung 1949) ersetzt durch „Südseekönig“, obwohl kein Zweifel daran bestehen konnte, dass der Ausdruck nicht rassistisch gemeint war. Für die Humanistin Astrid Lindgren waren alle Menschen gleich. Sprachliche Ausdrücke ändern sich mit ihrem Gebrauch. Für diese Sprachkritik nicht. Und es gibt keine Garantie, dass der Gebrauch von „Südseekönig“ nicht auch rassistisch intendiert und verstanden werden kann.

Was geschieht, wenn es auf die Intention des Sprechers nicht ankommt und nur darauf, wie der Adressat das Gesagte versteht? Man zerstört die Grundlage der Kommunikation und man macht sich zugleich zum Ankläger und Richter, zum Opfer und Herrn der Sprache. Man klagt sprachliche Anerkennung ein, verweigert aber dieselbe dem Sprecher. Da jede Äußerung Gesagtes und Gemeintes, Ausdruck und Intention untrennbar umfasst, läuft die Tilgung der Intention des Sprechers auf eine Enteignung seiner Sprache hinaus. Mehr noch: Getilgt wird mit seiner Intention auch die Personalität des Gegenübers. Die eigene Befindlichkeit, das eigene Sprachverständnis wird absolut und hegemonial gesetzt.

Wechselseitige Rücksichtnahme

Die europäische Aufklärung hatte gelehrt, dass die Grundlage jeder Kommunikation in einer wechselseitigen, fairen, beiden Seiten gerecht werdenden Kooperationsbereitschaft liegt. Das schließt wechselseitige Empathie ein, ein wechselseitiges Sich-in-den-anderen-Versetzen, ein wechselseitiges Rücksichtnehmen, ein gutwilliges Verstehenwollen. Billigkeit nannten dies die deutschen Aufklärer. Billig, also gerecht, fair ist es, sich darauf einzulassen, was mit dem, was gesagt wird, gemeint ist. Darin liegt, wie der Hallenser Aufklärungsphilosoph Georg Friedrich Meier formulierte, die „Seele“ nicht nur des Verstehens, sondern aller Kommunikation. Dazu gehört auch die Unterstellung einer lauteren Absicht des Redenden, „so viel, als es sich will tun lassen“. Die Aufklärer waren nicht naiv. Was Meier „Seele“ nannte, wird in der modernen Sprachphilosophie principle of charity, Prinzip des guten Willens, der Nachsichtigkeit, genannt. Meier hat recht: Jede Kommunikation bricht ohne ein Minimum an gutwilligem Verstehenwollen der Intention des Sprechenden, ohne wechselseitige Empathie und Anerkennung zusammen.

Dass man auch gelassen und menschenfreundlich mit dieser Frage umgehen kann, kann man in Ijoma Mangolds wunderbarem Erinnerungsbuch „Das deutsche Krokodil“ finden. Der Autor, Sohn einer deutschen Mutter und eines nigerianischen Vaters, erzählt, wie er in einem Zug mit fünf älteren, munteren Damen im Abteil fährt. Eine fragt dann endlich, woher er denn komme. Die Antwort: Aus Heidelberg. Die Dame: Mit der Frage habe sie gemeint, wo er denn geboren sei. Die Antwort, „in vollendeter Unschuld“: In Heidelberg. Wegen der begriffsstutzigen Antwort neue Frage: Aber wo stammen denn die Eltern her? „Meine Mutter kommt aus Schlesien.“ Nun Aufatmen der Damen, und alle rufen wie im Chor: „Aus Tunesien – das sieht man doch gleich!“ Für den Rest der Zugfahrt, schreibt der Autor, „spielten ethnische Fragen keine Rolle mehr, und wir unterhielten uns über Gott und die Welt“.

Gerhard Kurz lehrte bis zur Emeritierung Literaturgeschichte an der Universität Gießen. Zuletzt erschien „Hermeneutische Künste – Die Praxis der Interpretation“ (J. B. Metzler).

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