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Religion und Gewalt : Du sollst nicht töten – und nicht töten lassen

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Agamemnon will seine Tochter opfern, doch eine göttliche Hand hilft in letzter Sekunde: „Die Opfer der Iphigenie“ von Charles de La Fosse (1680). Bild: akg-images

Es hilft nicht weiter, in der Religion auch den Ursprung von Gewalt zu sehen. Aber auch ein bedingungsloser Pazifismus ist manchmal nicht das Richtige. Ein Gastbeitrag über eine riskante Gratwanderung angesichts des IS-Terrors.

          Nicht im frommen Lebenswandel, nicht im Gebet, Gesang und Tanz allein wird der Gott am mächtigsten erlebt, sondern im tödlichen Axthieb, im verrinnenden Blut und im Verbrennen der Schenkelstücke“: So hat der Altphilologe Walter Burkert schon vor mehr als vier Jahrzehnten die Nähe zwischen Religion und Gewalt beschrieben. Das Anschauungsmaterial dafür fand er in Opferritualen der griechischen Antike. Was damals wie die Beschreibung einer fernen, fremden Welt erschien, ist uns inzwischen auf quälende Weise nahe gerückt. Nur dass die Axt sich nicht gegen Opfertiere richtet, sondern gegen Menschen.

          Es scheint, als hätte der Abschied von der Praxis des Tieropfers die Religionen nicht gezähmt, sondern zu noch wilderen Gewaltorgien verführt. Der Terror der Organisation „Islamischer Staat“ schließt Enthauptungen und Kreuzigungen genau so ein wie die Vergewaltigung von Frauen und die Schändung von Kindern. Exzesse dieser Art, für deren Wahrnehmung sich unsere Blicke derzeit vor allem auf Syrien und den Norden des Iraks richten, sind in vielen Regionen unserer Erde verbreitet. Unter den verschiedenen Deutungen der islamischen Lehre vom Dschihad, vom Heiligen Krieg, setzt sich die gewaltsame Auffassung in fürchterlicher Weise durch.

          Walter Burkerts Feststellung, der religiöse Mensch erweise sich in seiner Praxis als „tötender Mensch“, bestätigt sich in einer Weise, die aufschrecken muss. Verharmlosungen verbieten sich; doch verklungen sind sie noch nicht. Wer sich mit diesen Vorgängen auseinandersetzt, ist nicht „islamophob“. Muslimen selbst muss vielmehr daran gelegen sein, dass mit dem Bekenntnis zur Größe und Einzigkeit Allahs nicht Mord und Totschlag gerechtfertigt werden können.

          Die Neigung zu Gewaltkonflikten

          Im Jahr 1972, in dem Walter Burkerts Studie über den Opferkult der alten Griechen zum ersten Mal erschien, trat der französische Kulturtheoretiker René Girard mit einer These über das Verhältnis zwischen dem Heiligen und der Gewalt an die Öffentlichkeit. Er führte die Neigung von Gesellschaften zu zerstörerischen Gewaltkonflikten auf den Trieb zur Nachahmung zurück. Der Wille, wie der andere zu sein und zu haben, was er besitzt, stiftet Rivalität und Neid; der Bruderzwist zwischen Kain und Abel ist das Urbild dafür.

          Die urtümliche Rasanz dieser mimetischen Gewalt zeigt sich vor allem darin, dass sie sich gegenüber dem ursprünglichen Gegenstand konkurrierenden Begehrens verselbständigt und gerade dadurch immer weiter steigert. Auf diese Weise wird sie eigenständig, ja, „sakral“. Gesellschaften können jedoch nur überleben, wenn es ihnen gelingt, den Selbstlauf einer solchen Gewaltspirale zu durchbrechen, ihr die selbstzerstörerische Dynamik zu nehmen und dadurch ein friedliches Zusammenleben zu ermöglichen. Girard beobachtete, dass in vielen Kulturen dafür ein „Sündenbock“ ausgesondert wird. Die negative Dynamik der Gesellschaft, ihre kollektive „Sünde“, wird ihm aufgeladen; mit dieser Last wird er in die Wüste geschickt.

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