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Biodiversität und Architektur : Mitbewohner der anderen Art

  • -Aktualisiert am

Hier der Mensch und seine gebaute Umwelt, da die Natur – das hat noch nie gestimmt. Bild: Reuters

Tödliches Glas, verwirrendes Licht: Tiere werden in der Bauplanung selten mitgedacht. Dabei wäre es ganz einfach – und zukunftsweisend.

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          Sie sind ja längst da, haben sich den urbanen Raum angeeignet und sich, wie es ihre Art ist, angepasst: Es gibt in Städten Wildschweine, die nachts an der Ampel warten, bis es grün ist, und Krähen, die Eicheln von Autos überfahren und knacken lassen. Es gibt Stare, deren Flügel besonders klein und rund sind, was ihre Wendigkeit in engen Straßenzügen erhöht, und Fuchspopulationen, deren Mitglieder unerschrockener sind als ihre ländlich wohnenden Verwandten, weil in der Stadt Frechheit siegt und weitervererbt wird.

          Petra Ahne
          Redakteurin im Feuilleton.

          Die Vorstellung, dass in der bebauten Welt die Menschen unter sich bleiben und die Natur bitteschön anderswo zu sein hat, war immer einseitig. Mit der biologischen Verödung der Landschaften, den insektenfrei gespritzten Feldern, dem Verlust an Brutmöglichkeiten sind Großstädte durch ihr vergleichsweise reiches Angebot an Nahrung und verschiedenartigen Lebensräumen sogar zu einem Hort der Biodiversität geworden: Hier gibt es zuweilen mehr Tierarten als auf dem umliegenden Land.

          Mal gern gesehen, mal ungewollt

          Es sind jedoch oft kleine Populationen, die schnell auch wieder verschwinden können. Verdichtung und Versiegelung sind Gefahren für die städtische Artenvielfalt. Tiere bleiben die oft unbemerkten, mal gern gesehenen, mal ungewollten Mitbewohner, oder werden lästige Verhinderer, wenn das Auftauchen einer geschützten Art ein Bauprojekt verzögert. Mitgedacht werden sie bislang kaum.

          Das zu tun, wäre allerdings zukunftsweisend. Nur ein verändertes Naturverständnis wird den Artenschwund stoppen können, dessen Konsequenzen auch für den Menschen – anders als im Fall der Erderwärmung – noch nicht richtig in der Wahrnehmung angekommen sind. Dazu gehört, Natur nicht geschützten Gebieten vorbehalten zu wollen, wo sie besucht und bestaunt wird, während der große Rest den Bedürfnissen des Menschen untergeordnet wird. Artenvielfalt muss es überall geben: auf den Feldern, in bewirtschafteten Wäldern und auch in den Städten.

          Tod am Glas: Tauben zählen nicht

          Es gibt Anzeichen, dass sich hier etwas tut. In manchen Großstädten werden Pilotprojekte zum artenübergreifenden Miteinander geplant, in Deutschland erschien im vergangenen Jahr das Architekturmagazin „arch+“ mit einer lustvoll gestalteten Schwerpunktausgabe zu dem Thema und Ende September gab es in den Räumen der Architektenkammer in Berlin eine Tagung zu „Biodiversität und Architektur“. Es ging darum, wie Gebäude zum Lebensraum für Mensch und Wildtier werden können und wie auf eine Weise gebaut werden kann, die für Tiere nicht zur Gefahr wird. Wissenschaftler und Naturschützer sprachen über tödliche Glasfassaden und die Desorientierung von Vögeln und Insekten durch künstliches Licht.

          Unter den Zuhörern waren viele Architekten, von seinen Erfahrungen mit dem Thema erzählte nur einer: Jan Musikowski, dessen Büro Richter Musikowski in Berlin vor einigen Jahren das Museum und Veranstaltungshaus Futurium gebaut hat, das wie ein einladendes Raumschiff zwischen vielen gesichtslosen Neubauten in der Nähe des Hauptbahnhofs sitzt. Seit ein paar Wochen ist die Glasfront mit gepunkteter Folie beklebt. Ein von der Naturschutzbehörde beauftragtes Monitoring hatte ergeben, dass bei dem Gebäude ein „signifikant erhöhtes Tötungsrisiko“ für Vögel besteht. Das gilt dann als gegeben, wenn pro hundert Meter Fassadenlänge im Jahr mehr als vier Vögel gegen das Gebäude fliegen, genauer gesagt: besonders geschützte Vogelarten. Eine Straßentaube gehört nicht dazu. Was unter diesem Schwellenwert liegt, ist „natürlicherweise existierendes Lebensrisiko“. Beim Futurium wurden neunzehn Kollisionen nachgewiesen, meist über Abdrücke an den Scheiben. Neun waren von Tauben, die zählten nicht.

          Panoramablick mit Punkten

          Es gab dann ein Treffen zwischen der Naturschutzbehörde und den Architekten, bei dem diese gleich erfuhren, welche Markierungen den Vogelschlag künftig vermeiden könnten. Bei Versuchen mit Vögeln in einem Flugtunnel haben sich Raster mit Punkten oder Strichen als effektiv erwiesen. UV-Markierungen helfen nicht, Silhouetten von Greifvögeln sowieso nicht. Jan Musikowksi und sein Kollege entschieden sich für Punkte. Da sie im und am Haus ohnehin mit Glas eher als wahrnehmbarer denn als durchsichtiger Fläche arbeiten, sei ihnen die Veränderung nicht so schwer gefallen, sagt Jan Musikowski. Für den Panoramablick zum Regierungsviertel muss man nun kleine schwarze Kreise wegfokussieren, was ganz gut klappt. Das Forschungsministerium, zu dem das Futurium gehört, übernahm die Kosten. Die sind nicht unerheblich, etwa vierzig Euro pro Quadratmeter.

          Auch deswegen folgen dem Monitoring nicht immer Taten. An vielen der Neubauten nahe des Berliner Hauptbahnhofs verenden Vögel, der neue Flughafen gilt als Vogelgrab. Nachgerüstet wurde trotz exakter Dokumentation bislang nur selten. Laut der Länderarbeitsgemeinschaft der Vogelschutzwarten sterben jedes Jahr bis zu fünf Prozent der Vögel in Deutschland an Glasscheiben, macht über 100 Millionen. Vögel können Glas nicht als Hindernis erkennen; wenn sich Bäume oder Himmel und Wolken in den Scheiben spiegeln, versuchen sie, darauf zuzufliegen.

          Einseitige Harmonie mit der Natur

          Das im Nachhinein zu ändern oder beim Bau schon zu bedenken, bedeutet, Glas seine Transparenz und scheinbare Körperlosigkeit zu nehmen – die Eigenschaften, die es als Gestaltungselement so beliebt machen, seit die Bautechnik erlaubt, es großflächig einzusetzen und nicht mehr nur, um Licht hereinzulassen. Der Wiener Biologe Martin Rössler, auf dessen Versuchen mit Flugtunneln die gängigen Scheiben-Markierungen basieren, zeigt bei seinen Vorträgen gern Bilder eines großzügig verglasten Hotels in Norwegen, dessen Gäste nur Scheiben von der umgebenden Wildnis trennen. Er weist dann darauf hin, dass eine solche vermeintliche Harmonie mit der Natur ziemlich einseitig sei.

          Eine andere tödliche Gefahr für Vögel ist Licht in Gebäuden. Immer um diese Jahreszeit kommen erschreckende Zahlen aus den Großstädten der USA. Über 200 leblose Vögel am Fuß des neuen World Trade Centers in einer Stunde meldete die Vogelschutzorganisation „Project Safe Flight“ zum Beispiel im vergangenen September aus New York. Viele waren Zugvögel, die die beleuchteten Wolkenkratzer von der Flugroute abgebracht und orientierungslos gemacht hatten. Der flächendeckende Verlust der Dunkelheit bringt alle durcheinander: des Nachts ziehende Vögel, jene 30 Prozent der Wirbeltiere und 50 Prozent der Insekten, die nachtaktiv sind, aber auch tagaktive Spezies wie den Menschen.

          Künstliches Licht bedroht die Artenvielfalt

          In Städten, wo nächtliche Illuminationen erst mit steigenden Strompreisen infrage gestellt werden, potenziert sich das Problem. Neben den sogenannten „Sink-und-Crash-Effekten“, die auch Fledermäuse und vor allem Insekten betreffen, wird Licht für nachtaktive Tiere zur Barriere, weil sie es meiden. Lebensräume werden durchtrennt, Nahrungsketten instabil. Nachtbestäuber bestäuben weniger, Bäume werfen ihr Laub zu spät ab. In einer im April im Magazin „Landscape and Urban Planning“ veröffentlichten Studie bezeichnet ein internationales Forscherteam künstliches Licht bei Nacht als einen Grund für den Rückgang der Biodiversität und fordert dunkle Gebiete, die die Verbindung zwischen Lebensräumen ermöglichen. In der französischen Stadt Douai gibt es eine solche dunkle Infrastruktur schon, erarbeitet auf der Basis der Bewegungsaktivitäten von Fledermäusen.

          Noch erinnern vor allem Wissenschaftler daran, dass fast während der gesamten Zeit, die die Erde existiert, Licht nur im Rhythmus der Tages- und Jahreszeiten zur Verfügung stand und alle Lebewesen in ihrem Verhalten und Hormonhaushalt darauf eingestellt sind. Es gibt aber auch Pioniere wie das britische Lichtdesign-Büro Darksource, das für mehr Dunkelheit sorgen möchte. Kunden sind etwa eine Kleinstadt in Wales, für die Darksource ein umweltfreundliches Licht-Konzept entwickelt hat: Beleuchtung nur da, wo man sie braucht, Lampen, die den Lichtstrahl nach unten lenken, warmes Licht mit einem möglichst geringen Blauanteil. Das lockt Insekten weniger an und breitet sich in der Atmosphäre weniger aus.

          Der Igel in der Schublade

          Ein anderes Büro hat sich mit Konzepten einen Namen gemacht, wie Gebäude und ihr Umfeld für Wildtiere attraktiver gestaltet werden können: Das Studio Animal-Aided Design entwickelte die gleichnamige Planungspraxis, bei der bei einem Bauprojekt ausgehend von dem Artenvorkommen in einem Umkreis von zwanzig Kilometern bestimmte „Zielarten“ festgelegt und ihre Bedürfnisse in die Planung integriert werden. Zum Repertoire gehören Nisthöhlen für Vögel in der Hausmauer, Schlupfspalten für Fledermäuse, Schubladen in der Fassade, in denen Igel überwintern können. Dass sie das auch tun, lässt sich gerade an einem Neubau der städtischen Wohnungsgesellschaft in München überprüfen. Ihr bislang größtes Projekt setzen der Landschaftsarchitekt Thomas E. Hauck und Wolfgang W. Weisser, Professor für Terrestrische Ökologie an der TU München, derzeit in Hamburg um. Der neue Stadtteil Oberbillwerder wird für 15 .000 Menschen geplant – und für zwanzig Tierarten: Säugetiere, Vögel, Amphibien.

          Teil eines solchen künftigen biodiversen Miteinanders wird auch eine Korrektur ästhetischen Empfindens sein: Wildwuchs und Wiese statt Rabatten und Rasen, wie sie seit dem 19. Jahrhundert das Naturbedürfnis der Städter befriedigen sollten.

          Trotz des wachsenden Interesses gebe es noch keine gemeinsame Sprache von Naturschutz und Architektur, sagt Thomas E. Hauck. „Architektur hat bislang entweder ein negatives Verhältnis zur Natur oder ein ausbeuterisches“ – wenn diese etwa hinter den Scheiben des in schöner Umgebung platzierten Hauses zur Kulisse wird. Jan Musikowski sagt, dass Architekten, aber auch Bauherren bislang zu wenig sensibilisiert würden für das Thema Biodiversität, in der Ausbildung käme es gar nicht vor. Wenn es dann auftauche, „ist das, wie wenn man den Arzt fragt, ob er sich Gedanken gemacht habe, was seine Medikamente in der Umwelt anrichten“. Der enorme Ressourcen- und Energieverbrauch der Baubranche beschäftigt Architekten zunehmend, neue Fragestellungen geraten in den Fokus: Welche Baustoffe sind wirklich nachhaltig, wie können sie Teil einer Kreislaufwirtschaft werden, und soll man überhaupt noch neu bauen? Thomas Hauck sieht da eine Chance: „Die Biodiversität muss Teil dieses Innovationsdiskurses werden.“

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