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Bio-Bauer Manfred Klett : Der moderne Landwirt ist eine arme Wurst

Richtige Milch, keine „weiße Flüssigkeit“ geben seine Kühe: Manfred Klett auf dem Dottenfelder Hof. Bild: Helmut Fricke

Manfred Klett ist Pionier und Speerspitze der biologisch-dynamischen Landwirtschaft. Nicht nur auf dem Dottenfelder Hof bei Frankfurt sucht man seinen Rat. Doch vereinnahmen lässt er sich von niemandem.

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          Hedwig schaut ganz entspannt, die Kälber in der gegenüberliegenden Box interessieren sie nicht sonderlich. Sie hat den Alleingang gewählt und steht auf ihrem Stammplatz, mampft frischen Klee, der gerade serviert wird, während der Großteil ihrer Herde eine Etage tiefer unter einem schützenden Dach auf dickem Stroh liegt und wiederkäut. Ein Bild des Friedens ist das, wenn achtzig Kühe beinahe geräuschlos dem Verdauungsprozess nachgehen. Es stört sie auch nicht im Geringsten, dass Zweibeiner zwischen ihnen herumsteigen. „Die Kuh ist ein Rhythmustier, der Mensch muss sich absolut nach dem Tier richten“, sagt, zwischen zwei Schwarzbunten kniend, der Austragsbauer Manfred Klett.

          Hannes Hintermeier
          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Die Herde ist auf dem Dottenfelderhof am Nordrand der hessischen Stadt Bad Vilbel gezüchtet worden, alle Tiere haben, entgegen den Usancen in der konventionellen Landwirtschaft, ihre auch für den Verdauungsapparat wichtigen Hörner behalten dürfen – an diesem „Verbrechen“ beteiligt man sich hier nicht. „Die Kühe kennen sich, die haben eine interne Rangordnung, da entwickelt sich eine große interne Gelassenheit.“ Das ist artgerechte Haltung im Wortsinn, weil man den Umstand, dass die Kuh ein Herdentier ist, Rechnung trägt. Die Tiere fressen, was auf dem Hof wächst; selten, wie nach einem Hitzerekordsommer wie diesem, muss Futter zugekauft werden, weil der zweite Schnitt ausgefallen ist. Die Kühe danken diese Hege mit Langlebigkeit: Sie sind klassische Zweinutzungstiere, liefern also Fleisch und Milch. Richtige Milch und keine, wie Klett sagt, „weiße Flüssigkeit“. Milch, die nicht nur deutlich anders schmeckt, sondern die auch von Menschen mit Laktose-Intoleranz vertragen wird, ebenso wie die aus ihr hergestellten Produkte der Käserei.

          Eine Institution des biologisch-dynamischen Landbaus

          Auch im Winter liegt die Herde in ihrem nach Norden hin offenen Unterstand, auf einer täglich wachsenden Schicht aus Heu und Ausscheidungen, die am Ende des Winters zwei Meter hoch sein kann: Jeden Tag wird frisches Stroh eingestreut, die Deckschicht hält auf den oberen dreißig Zentimetern eine Temperatur von dreißig Grad, die Kühe liegen wie auf einer warmen Matratze. Das Geheimnis dieser aufwendigen, althergebrachten Methode laute: „Tritt ihn fest und halt ihn feucht“, erklärt Klett. Der fermentierte Stallmist ist eine gesuchte Ware, die man auch teuer verkaufen könnte; auf dem Dottenfelderhof werden damit im Frühjahr die Felder gedüngt.

          Hundert Menschen aus aller Welt leben hier, sie arbeiten auf den Feldern, im Stall, in Bäckerei, Käserei, Hofladen, Landbauschule, in den Labors der Saatgutforschung. Denn in der anthroposophischen Welt ist der Dottenfelder Hof eine Berühmtheit. 843 erstmals urkundlich erwähnt, 976 von Kaiser Otto II. dem Hochstift Worms als Lehen zugesprochen, im Dreißigjährigen Krieg zerstört, ist der Hof mit seinen hundertfünfzig Hektar Land eine Institution des biologisch-dynamischen Landbaus. An diesem Umstand hat Manfred Klett, der hier zusammen mit seiner umtriebigen Frau „Li“ (wie Lieselotte) lebt, erheblichen Anteil.

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