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Bildungstest in Berlin : „Bitte nehme mich“

  • -Aktualisiert am

Nicht einmal in den Schulferien hat Berlin Ruhe vor Bildungskatastrophen. In der Sommerfrische aber darf sich jeder mal eine Pause gönnen. Bild: dpa

Die Vergleichsarbeiten der Berliner Drittklässler fallen wieder einmal miserabel aus. Trotzdem wird nicht immer alles schlimmer: Eine Beruhigung für Kulturpessimisten.

          „Vera!“, raunt es dieser Tage mal wieder ächzend durch die Gänge und Portale der Republik, besonders durch jene der Hauptstadt, die nicht einmal in den Schulferien Ruhe vor bildungskatastrophischen Nachrichten hat. Die Vergleichsarbeiten der Drittklässler, im Insider-Jargon beschönigend „Vera 3“ genannt, brachten nicht die gewünschten Ergebnisse – was so wenig überraschend ist wie der tägliche Auf- und Untergang der Sonne. Und doch: Unterdurchschnittliche Leistungen im Rechnen, Lesen und Zuhören bescheinigt das am Verfahren beteiligte Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen mehr als der Hälfte der Berliner Schüler.

          Wie die Fähigkeiten im Schreiben ausgefallen sind, erfahren wir interessanterweise nicht, denn ausgerechnet die Rechtschreibung, munkelt mancher Kritiker, sei nicht getestet worden. Vielleicht aus Angst, dass die Blamage zu groß würde? Da rangeln sie um die beste „Kompetenzentwicklung“ des politisch erwachten, aber deswegen keineswegs besser geschulten Nachwuchses, der auf Digitalisierung schwört, und dann können die Pennäler nicht einmal die grundlegendsten Dinge, nachdem sie schon drei Jahre zur Schule gegangen sind.

          Eine kraftvolle Umgehung des Imperativs

          Alles wird immer schlimmer? Mag sein. Dass früher aber alles besser war, ist eine Mär, die mit einem historischen Gang durch die deutsche Schlagerwelt – der man bei allem Argwohn, der jetzt viele überfallen mag, im Allgemeinen zumindest zutraut, der deutschen Sprache mächtig zu sein – aufgelöst werden kann. Es war im Jahr 1993, als die Schlagersängerin Gitte Haenning, besser bekannt als Gitte, ein Album auf den Markt brachte, das in gekonnter Musikalität alles aufbot, was in Fragen der Liebesbeziehungen bedient werden kann. „Liebster“ heißt ihr Album und Song, in dem sie ihren Liebsten voller Leidenschaft besingt, bis der Höhepunkt im Refrain erreicht ist: „Bitte nehme mich und besitze mich, meine Liebe und Lust sind für dich.“ Immer wieder beginnt der Refrain mit der kraftvollen Umgehung des Imperativs: „Bitte nehme mich“.

          Nun mag man Gitte zugutehalten, dass sie dänischer Herkunft ist, wenn aber einem ganzen Produktionsteam dieser Lapsus unterläuft, ist das schon eine irre Vorstellung. Sie belegt, dass die Anzeichen einer allgemeinen Verblödung keine neue Erscheinung sind. Schon vor einem Vierteljahrhundert war man offenbar der Auffassung, es gebe wichtigere Dinge im Leben als den Imperativ. Das sollte selbst den ärgsten Kulturpessimisten beruhigen: Dass die Drittklässler den Refrain heute grammatikalisch richtig singen würden, muss bezweifelt werden, aber immerhin würde der Fehler durch die allgemeine Bildungstesteritis dokumentiert und korrigiert. Und ist das nicht ein Hoffnungsschimmer? Wir tun alles, um aus unseren Fehlern zu lernen. Vielleicht nicht immer mit den klügsten Mitteln, aber ach, die Sommerfrische steht vor der Tür – Zeit, den allseits drohenden Bildungsuntergang für einen Augenblick zu vergessen.

          Hannah Bethke

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

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