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Kompetenzniveau bei Schülern : Scheinwährung

  • -Aktualisiert am

Abitur: Was ist die ganze Mühe noch wert? Bild: dpa

Die Schüler werden schlechter, die Noten aber besser. Doch letztlich läuft das vermeintlich wohlmeinende Absehen von Strenge bei der Benotung auf ein Ungleichheit verstärkendes System zu.

          Wer in Deutschland ein Abiturzeugnis vorweisen kann, muss sich nicht fragen lassen, wo er es denn herhat. Die Schule wird mit einer Abschlussprüfung verlassen, die Hochschulen kennen kaum Eingangsprüfungen. Das funktioniert freilich nur, wenn die Zeugnisse informativ sind. Erst dann kann im Bildungsfortgang darauf verzichtet werden, bei Übergängen jeweils die erreichte Leistungsfähigkeit zu überprüfen.

          Schon als die ersten Pisa-Tests durchgeführt wurden, kamen fiktive Aspekte dieses Glaubens an Zeugnisse ans Licht. Denn es gab eine hohe Zahl von Schülern, die zwar das geringste „Kompetenzniveau“ dieses Tests nicht erreichten, aber gleichwohl regelmäßig versetzt worden waren und kurz danach auch einen Schulabschluss hatten.

          Aufschiebung der Leistung

          Wer denkt, das Gymnasium wäre sicher vor solchen Fiktionen, mag über eine Zahl nachdenken, die soeben der Präsident des Lehrerverbandes genannt hat: In den zurückliegenden zehn Jahren habe sich in Berlin die Zahl der Abiturzeugnisse mit einer Durchschnittsnote von 1,0 vervierzehnfacht. Es liegt auf der Hand, dass dies nicht auf eine Geist- oder Fleißvermehrung zurückzuführen ist.

          Teils wird es den Schülern durch Wahlmöglichkeiten leichtgemacht, vor allem bewertet zu bekommen, worin sie gut sind. Inzwischen wird auch so gut wie alles, was sie können, als eigene Kompetenz abgerechnet. Überdies sorgt das Zentralabitur für eine Absenkung der Erwartungen, weil Prüfungsaufgaben für alle so gestellt werden, dass auch Schüler schlechterer Schulen eine gute Chance haben, sie zu lösen. Und schließlich stellen sich Schulen, die freigiebig Spitzennoten verteilen, damit selbst ein gutes Zeugnis aus. Die unangenehmen Aspekte der Leistungsprüfung werden an die nächste Institution weitergereicht. Die aber reagiert, wie im Fall der Hochschulen, ihrerseits genau so: Durchschnittsnote 1,8 über alle Fächer hinweg.

          Praktika auf Vitamin B

          Also finden die Fiktionen erst spät ein Ende, wenn Arbeitgeber feststellen, dass Zeugnisse uninformativ sind. Und wenn Bewerber feststellen, dass sie sich für all die Euphemismen und Überzuckerungen, die ihren Bildungsweg begleitet haben, außerhalb des Bildungssystems nichts kaufen können, weil innerhalb schon lange niemand mehr an diese Währung glaubte. Es treten die üblichen Ersatzwährungen ins Mittel: Vitamin B, Praktika als Teststrecke, Assessment-Center, Zertifikate aus stärker selektiven Einrichtungen.

          Mittelfristig wird diese Aushöhlung der Logik von Abschlussprüfungen zu einem System zwingen, das mit Eingangsprüfungen operiert. Wer die besten Mittel hat, um sich auf solche Eingangsprüfungen vorzubereiten, ist leicht ersichtlich. Das vermeintlich wohlmeinende Absehen von Strenge läuft auf ein Ungleichheit verstärkendes System zu. Wer es besichtigen will, kann das in den Vereinigten Staaten tun. Den Funktionären der GEW, die gleich gerufen haben, mit dem Berliner Abitur sei alles in Ordnung, sei ein Blick dorthin empfohlen.

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