https://www.faz.net/-gsf-87cqz

Schulreform in Frankreich : Laizismus und Moral statt Latein und Deutsch

Nicht nur auf dem Schulweg geht es zur „Rentrée“ heiß her: Najat Vallaud-Belkacems Schulreform ist umstritten. Bild: Reuters

Am Dienstag kehrten Frankreichs Schüler zurück in die Schulen. Zur „Rentrée scolaire“ zieht die Bildungsministerin Najat Vallaud-Belkacem ihre Schulreform eisern durch. Nicht nur alte Sprachen haben es deshalb schwer.

          Am Montag sind 860000 Lehrer, am Tag darauf ihre 12,4 Millionen Schüler in die französischen Klassenzimmer zurückgekehrt. Die kommenden Frühjahrsferien sind vorverlegt worden, weil die Tourismusindustrie um die Skisaison fürchtet. Auch die „Brücke“ an Himmelfahrt wird aufs ganze Land ausgeweitet. Das schon vor drei Jahren angekündigte Fach „Laizismus und Moral“ wird nun gestartet: im Rahmen eines Programms zur staatsbürgerlichen Erziehung, dessen Einführung nach den Attentaten von Islamisten und den Zwischenfällen in den Schulen beschlossen wurde. Es beinhaltet auch Medienkunde, mit der die Gewerkschaften lieber erst 2016 begonnen hätten. Die Lehrprogramme wurden erst Ende Juni mitgeteilt, die Lehrmittel werden erst in einem Jahr vorhanden sein. Noch mehr Neuerungen gibt es für die unteren Klassen, Ministerin Najat Vallaud-Belkacem hat für das neue Schuljahr zum „Kampf gegen die Langeweile“ aufgerufen.

          Jürg     Altwegg

          Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

          Mit jeder „Rentrée scolaire“ flammt auch der Kulturkampf um die Methoden des Lehrens und Lernens wieder auf. Er ist eine rhetorische Auseinandersetzung zwischen Ideal, Ideologie und Wirklichkeit. Mit der sich in jedem Herbst mehrere Bücher befassen. In „Réapprendre à lire“ (Editions Le Seuil) beklagen Sandrine Garcia und Anne-Claudie Oller die „Instrumentalisierung des Lesenlernens durch die Politik“. Die Ideologisierung der pädagogischen Theorien, schreiben die beiden Soziologinnen, gehe sehr viel weiter als die traditionelle „querelle des anciens et des modernes“.

          Empörung über das „Abc der Gleichheit“

          Es werden wieder Gedichte auswendig gelernt, freuen sich die Autorinnen. Das Kopfrechnen sei nicht mehr so verpönt wie früher schon. Aber noch immer huldigen die Pädagogen in den Büros den Theorien, die aus den siebziger Jahren stammen und zu Dogmen wurden. Die „fortschrittlichen Methoden“ werden mit dem Imperativ der Gleichheit begründet. Doch sie bewirken das Gegenteil: Der Graben zwischen guten und schlechten Schülern wird tiefer, die soziale Ungleichheit wird größer.

          Das gilt genauso für das in den Jahren nach dem Mai 68 von Giscard d’Estaing eingeführte „Collège“. Alle Schüler sollen zusammen die gleiche Schule besuchen, bis zur mittleren Reife wird auf jegliche Unterscheidung verzichtet. Das „Collège unique“ hat die Schule demokratisiert. Der „Elitarismus“ kehrte aber durch die Hintertür zurück. Die zweisprachigen Klassen werden von den begabteren und fleißigeren Schülern besucht. Deshalb werden sie von der sozialistischen Regierung abgeschafft – und mit ihnen weitgehend auch der Unterricht in Latein und Griechisch, die man in einem „interdisziplinären Modul“ zusammenfassen will. Ähnlich stark ist der Deutschunterricht betroffen. Trotz diplomatischer Auseinandersetzungen mit Berlin will die Ministerin Najat Vallaud-Belkacem, die mit ihrem „Abc der Gleichheit“ über die Erziehung der Geschlechter einen Sturm der Empörung auslöste, die Abschaffung durchziehen.

          Keine Stimme für Sarkozy

          Sie hat die Elternvereinigungen und Lehrerverbände gegen sich. Als „letzte Rentrée vor der Apokalypse“ wird der Schulbeginn empfunden. „Wir werden alles tun, um die Reform zu verhindern“, erklärt der Sprecher der wichtigsten Lehrergewerkschaft SNES. Ihre Mitglieder fühlten sich „deprimiert und gedemütigt“. Auf einem Internetportal organisierten sie den „Verkauf von Lehrern der alten Sprachen“ – und wurden wegen „Verstoßes gegen die Würde der Beamtenschaft“ angeklagt. Auch die Germanisten stehen „Gewehr bei Fuß“ und befürchten die Abwicklung ihrer Klassen und Kollegen: „Es geht um einen Kampf auf Leben und Tod“, sagt der Deutschlehrer Alain Christophe: „Am Ende der Reform steht das Ende des Deutschunterrichts.“

          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android
          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android

          Das neue Angebot für den klugen Überblick: Die wichtigsten Nachrichten und Kommentare der letzten 24 Stunden – aus der Redaktion der F.A.Z. – bereits über 100.000 mal heruntergeladen.

          Mehr erfahren

          „Was erzählen wir den Schülern, die gerade mit Latein begonnen haben und nicht wissen, ob sie nächstes Jahr weitermachen können?“, stöhnt die Verbandssprecherin und Lateinlehrerin Sabine Bollack: „Es geht nur noch um Gadgets. Lernen soll wie Spielen sein. Alles, was irgendeine Anstrengung voraussetzt, wird in Frage gestellt.“ Zum Schulbeginn hat sogar der frühere sozialistische Unterrichtsminister Jean-Pierre Chevènement, ein Vertreter der um Chancengleichheit und Gleichberechtigung bemühten klassischen Schule der Republik, einen Verzicht auf die Collège-Reform gefordert.

          Die „Rentrée“ steht im Zeichen des Wahlkampfs. Außer Sarkozy, dem kein Lehrer seine Stimme geben wird, haben alle bürgerlichen Kandidaten für 2017 die Schule zur Priorität erklärt. Dass die Rechte in ihrem Bereich rein gar nichts zu gewinnen habe, wurde einst als „Juppé-Doktrin“ bezeichnet. Doch angesichts der Wut über die Linke zeichnet sich in der Lehrerschaft ein massiver Rechtsrutsch ab. Alain Juppé, Sarkozys aussichtsreichster Rivale in der eigenen Partei „Die Republikaner“, hat ihr ein Buch gewidmet: „Meine Wege für die Schule“. Für den früheren Premier- und erfolgreichen Außenminister ist sie „die Mutter aller Reformen“ im Lande. Noch wichtiger wäre es, die Schule und die Lehrer zumindest ein paar Jahre in Ruhe zu lassen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          SPD sieht ihre Chance : Merkels Machtschwund

          Grundsteuer, Grundrente, Maklerkosten: Die SPD versucht, das Machtvakuum in der CDU auszunutzen. Hat die Kanzlerin wirklich noch alles im Griff?
          Ein bisschen Chaos verursachen ist bei „Gefeuert“ nur der Anfang.

          Spiel zum letzten Tag im Büro : So viel Chaos wie möglich!

          In „Gefeuert – dein letzter Tag“ spielt man einen gekündigten Arbeitnehmer, der nur ein Ziel hat: an seinem letzten Tag im Büro möglichst viel Chaos anzurichten. Das Computerspiel hat seinen Reiz – selbst wenn man nicht gefeuert wurde.
          Abu Bakr Baletz mit seinem Goldschatz, einem goldenen Lamborghini Aventador.

          FAZ Plus Artikel: Goldener Lamborghini Aventador : Abu und sein Lambo

          Ein junger Mann fährt mit einem goldenen Sportwagen durch die Stadt, die Polizei verbietet es. Er hat Geld, sagt aber nicht, woher es stammt. Eine Geschichte aus dem Einwandererland Deutschland.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.