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Opernprojekt „Die Regentrude“ : Wo ein Wille, ist auch Platz fürs Unmögliche

Große Bühne für die Kleinen, die mit Inbrunst singen, auch wenn die wenigsten von ihnen schon mal in der Oper gewesen sind: Aufführung der „Regentrude“. Bild: Rainer Wohlfahrt

Musikunterricht steht auf der Liste der bedrohten Schulfächer ganz oben. Eine Frankfurter Grundschule stemmt sich mit der Kinderoper „Die Regentrude“ gegen den Trend. Und die Schüler erleben, wie sie mit Musik über sich hinauswachsen.

          8 Min.

          „Dunst ist die Welle, Staub ist die Quelle! Stumm sind die Wälder, Feuermann tanzet über die Felder!“ Der Gesang der Bauern und Mägde hebt beschwörend an. Die Streicher des Orchesters schrauben sich in die Höhe, bis eine Schar Kinder in Bauerntrachten und blauen Kopftüchern schließlich mit voller Kraft singt. Sie wollen die Regentrude wecken. Denn nur weil sie eingeschlafen ist, konnte der Feuerkobold Eckeneckepenn über viele Jahre sein Unwesen treiben und fruchtbare Äcker zu Staub verwandeln. Die Felder bringen keine Ernte mehr, die Menschen hungern. Verzweifelt wenden sie sich an die Göttin - die aber schlummert im grauen Regencape am Bühnenrand. Und während die Felslandschaft um sie herum das gleißende Licht der Sonne spiegelt, führt Eckeneckepenn im feuerroten Gewand sein höhnisches Tänzchen vor den Bauersleuten auf.

          Sandra Kegel
          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.

          Theodor Storm hat das Märchen von der „Regentrude“ geschrieben, die Geschichte von der todbringenden Hitze und Trockenheit. Ausgerechnet der Husumer Dichter, in dessen grauer Stadt am Meer es häufiger regnet, als dass die Sonne schiene, beschrieb mit eindrucksvollen Bildern, was für eine Katastrophe es ist, wenn der Regen ausbleibt. Weil Storms romantische Novelle über echte und vermeintliche Klimagewinnler, vor mehr als hundertfünfzig Jahren entstanden, heute aktueller ist denn je, agieren die Kinder auf der Bühne so überzeugend. Sie begreifen, was sie dem Publikum erzählen, vorspielen und vorsingen. Als nach ihrem fünfundsiebzigminütigen Einsatz auch die kleine Regenfrau auf der Bühne schließlich schlaftrunken aufsteht und mit jeder Wolke, die sie aus dem Regenschloss ins Freie wedelt, ihr Gesang immer strahlender erklingt, da bemerken auch wir, welchem Wunder wir gerade beigewohnt haben.

          Noten gibt es eben nicht nur im Zeugnis

          Wie aus dem Nichts heraus haben Kinder einer Frankfurter Grundschule eine Oper aufgeführt. Kinder, von denen die meisten noch nie gemeinsam gesungen haben. Von denen kaum eines eine Oper gesehen hat. Und von denen keines je im Kostüm auf einer Bühne aufgetreten ist. Nun sind es fast anderthalb Stunden, spielend und singend vor Publikum, begleitet von einem Orchester aus Jugendlichen.

          Von Klaus Uwe Ludwig komponiert, ist die „Regentrude“ eher Singspiel als Oper - und der Wiesbadener Komponist nahm Rücksicht auf die stimmlichen Fähigkeiten von Kindern. Dennoch ist alles da, was zu einer richtigen Oper gehört. Von der Ouvertüre, die die wichtigsten Klangmotive vorstellt, über musikalische Themen für bestimmte Figuren, Schauplätze und Sphären bis zu einer komplexen Harmonik, die das Tonale immer wieder verlässt. Kein geringer Anspruch an die sechsundzwanzig Sechs- bis Zehnjährigen, die unter Noten bislang vor allem Zensuren unter Arbeiten und im Zeugnis verstanden hatten.

          Eigentlich sprach alles gegen dieses Projekt

          Neun Monate dauerten deshalb die Proben, während deren sie die anspruchsvolle Rhythmik ebenso verinnerlicht haben, wie sie die Dynamik der Partitur begreifen lernten. Ton für Ton haben sie sich Agogik, Tempo und Schwankungen einverleibt. Der musikalische Schatz ist ihnen dabei in den Schoß gefallen - subversiven Wissenserwerb nennen das Pädagogen. Ahnungslos hatten die Schüler sich auf das Abenteuer eingelassen, das sie über den Umweg deutscher Literatur und klassischer Musik zuletzt über sich hinauswachsen ließ. Als nach der letzten Vorstellung die kleinen Sänger in ihren spätromantischen Kostümen sich wieder und wieder verbeugen müssen und sie erlöst zu kichern beginnen, ist die harte Probenarbeit vergessen.

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