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Opernprojekt „Die Regentrude“ : Wo ein Wille, ist auch Platz fürs Unmögliche

Große Bühne für die Kleinen, die mit Inbrunst singen, auch wenn die wenigsten von ihnen schon mal in der Oper gewesen sind: Aufführung der „Regentrude“.
Große Bühne für die Kleinen, die mit Inbrunst singen, auch wenn die wenigsten von ihnen schon mal in der Oper gewesen sind: Aufführung der „Regentrude“. : Bild: Rainer Wohlfahrt

Vielleicht ist dies für manche der Anfang für ein Leben mit Musik. Vielleicht sogar für eines auf der Bühne. Wahrscheinlicher ist, dass dies Erlebnis einmalig bleibt. Singulär ist die Sache aber auch deshalb, weil die Geschichte von der Entstehung der Frankfurter „Regentrude“ selbst wie ein Märchen klingt. Am Anfang war da nur die Idee, mit Kindern zu singen. Dann kamen immer mehr Menschen dazu, die das große Zusammenspiel schließlich möglich machten. Dabei sprach eigentlich alles dagegen - zumal im laufenden Betrieb einer Grundschule. Und nicht zuletzt angesichts der Erkenntnis, dass kein Unterrichtsfach in Deutschland häufiger ausfällt als Musik.

Bei ein paar Liedern wollte sie es nicht belassen

Schon lange warnen Lehrerverbände, Orchester und der Musikrat vor den Folgen. Doch die musikalische Erziehung von Kindern ist hierzulande längst zur Privatsache geworden. Wer Klavier, Geige oder Flöte spielen will, muss in die Musikschule gehen oder Privatstunden nehmen. In den Grundschulen werden Noten spät oder gar nicht gelernt. „Nur Rasseln und Schütteln aber ist Erstklässlern kaum zuzumuten“, kritisierte Anne-Sophie Mutter einmal diese Verhältnisse.

Dabei weiß nicht nur die Geigerin, wie wichtig eine musikalische Erziehung für Kinder ist. Wer musiziert, lernt spielend. Und längst nicht nur seine Geige zu beherrschen. Von Stressbewältigung über Feinfühligkeit bis hin zu sozialer Kompetenz schult die Musik ein ganzes Arsenal weiterer Fähigkeiten. Deshalb gilt noch immer, was Otto Schily vor Jahren sagte: „Wer Musikschulen schließt, gefährdet die öffentliche Sicherheit.“ Bezeichnend ist, dass die Frankfurter „Regentrude“ ihren Anfang ausgerechnet bei einer Aushilfslehrerin genommen hat, die gar keine ausgebildete Lehrerin ist. Ruth Zetzsche ist im Hauptberuf Sängerin und geriet vor drei Jahren durch Zufall ins Schulgeschäft. Sie sollte den Betrieb eigentlich nur am Laufen halten. Der Musikunterricht an der Schule war wieder einmal zum Erliegen gekommen, nachdem die Musiklehrerin in Elternzeit gegangen und Ersatz nicht zu finden war. Auch wenn sie keine Lehrerin sei, sie könne ja immerhin singen, dachte man in der Schulleitung, als Ruth Zetzsche sich um die Stelle bewarb: Dann solle sie das eben mit den Kindern tun - denn singen sei schließlich immer gut. Wer die zupackende Altistin, die vor allem als Liedsängerin und Kirchenmusikerin konzertiert, jedoch einmal bei der Sache erlebt hat, hätte ahnen können, dass sie es nicht bei ein paar Liedern belassen würde. Warum nicht eine Oper?

Musizieren ist kein Ponyhof

Die Musikerin hat damit einen ganzen Schulbetrieb aufgerüttelt. Und so wenig sie sich zuvor mit Schulpädagogik beschäftigt hat, so entschlossen wirkt sie auf ihrem Feld. Als Tochter des Opernsängers Albert Zetzsche sei sie praktisch „unter dem Flügel groß geworden“, erzählt sie. Mit ihrem Vater zog sie von Stadt zu Stadt, von Engagement zu Engagement, von Leipzig nach Chemnitz nach Gera, durch die halbe DDR, die Musik aber blieb die Konstante. Und wenn der Bariton zu Hause am Klavier seine Rollen einstudierte, nahm die kleine Tochter die Geschichten von Don Giovanni und dem Barbier von Sevilla, von Graf Luna und Eugen Onegin in sich auf. Etwas von diesem Zauber möchte Ruth Zetzsche den Kindern weitergeben: „Dass sie, indem sie sich in Geschichten hineinbegeben, andere Gefühle kennenlernen, und dass nichts so großartig ist, wie Gefühle singend auszudrücken.“

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