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Psychologe Andreas Gold : „Schlechter Unterricht führt dazu, dass alle gleicher werden“

  • Aktualisiert am

Forschungsgebiet Schule, Arbeitsstelle Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt: Andreas Gold Bild: Frank Röth

Es nutzt die schönste Schule nichts, wenn das Personal nichts von seinem Job versteht: Unterrichtsforscher Andreas Gold über das, was erfolgreiche Pädagogen und guten Unterricht ausmacht.

          5 Min.

          Herr Professor Gold, Sie haben ein Buch geschrieben, das ,Guter Unterricht‘ heißt. Ist zu diesem Thema nicht schon alles gesagt?

          Vielleicht, aber noch nicht von jedem.

          Fassen Sie bitte zuerst einmal ganz kurz zusammen, was das ist, guter Unterricht.

          Guter Unterricht führt dazu, dass Schülerinnen und Schüler etwas lernen. Und darüber, wie das funktionieren kann, wissen wir inzwischen recht viel.

          Was war die Ausgangslage für Ihr Buch? Haben Sie Veränderungen festgestellt, zum Schlechten womöglich?

          Nein. Der Buchtitel ist, das gebe ich zu, ein wenig plakativ. Er gibt aber keinen Hinweis darauf, dass Unterricht in Deutschland schlechter geworden sei. Im Gegenteil, ich glaube, dass an deutschen Schulen, in deutschen Klassenzimmern, ziemlich guter Unterricht gemacht wird. In der Öffentlichkeit wird meist gesprochen über Strukturfragen: Ganztagsschule, Inklusion, Differenzierung nach der vierten Klasse oder später. Daran arbeiten sich die Bildungspolitiker seit 50 Jahren ab. Bei all diesen Strukturfragen gerät aus dem Blick, dass es letztlich auf die Unterrichtsqualität ankommt, also auf das, was Lehrerinnen und Lehrer im Klassenzimmer wirklich machen.

          Kann man das denn trennen?

          Ja. Auf den Lehrer kommt es an und auf das, was er im Klassenzimmer macht, aus meiner Perspektive als Unterrichtsforscher. Bildungspolitisch denkende Menschen würden wahrscheinlich die System- oder Strukturfrage beleuchten.

          Was bedeutet Unterrichten heute? Welche Herausforderungen muss ein Lehrer meistern?

          Zuvorderst muss er Wissen und Fertigkeiten vermitteln. Darüber hinaus aber werden zunehmend Erziehungsaufgaben allgemeiner Art auf die Lehrer übertragen, ob sie das wollen oder auch nicht, und sie müssen sie auch leisten. Auch dann, wenn gleichzeitig eine allgemein nachlassende Kooperationsbereitschaft von Eltern zu beobachten ist. Außerdem sind die Lernvoraussetzungen von Schülern zunehmend ungleicher als früher. Mit dieser Heterogenität umzugehen ist eine erhebliche Herausforderung.

          Wo führt Schule die Schüler hin? Können und sollen unterschiedliche Eingangsvoraussetzungen so weit wie möglich nivelliert werden? Und hebt guter Unterricht Heterogenität auf?

          Nein.

          Ist der Beibehalt von Unterschieden also das Ziel von Schule?

          Ich formuliere das mal provokant: Am Ende guten Unterrichts steht eine größer gewordene Heterogenität der Schülerschaft. Richtig guter Unterricht fördert jedes Kind, soweit das aufgrund des Potentials, das es mitbringt, möglich ist. Und wenn man jeden optimal fördert, sind, weil schon die Ausgangslagen unterschiedlich waren, am Ende auch die Ergebnisse unterschiedlich. Nur ganz schlechter Unterricht wird dazu führen, dass am Ende alle ein bisschen gleicher sind, auf niedrigem Niveau.

          Am intensivsten auf unterschiedliche Lernvoraussetzungen eingehen müssen Pädagogen ja wohl in der Grundschule.

          Aber nur, weil wir nach der Grundschule nach Leistungen differenzieren.

          Was sagen Sie denn in diesem Zusammenhang zu den hohen Übertrittsquoten aus den Vierte-Klasse-Jahrgängen auf die Gymnasien? In Frankfurt liegt diese Quote aktuell bei fast 60 Prozent.

          Wenn man diese Entwicklung weiterdenkt, kann von Homogenisierung von Lerngruppen nicht mehr viel die Rede sein. Dann gibt es bald eine Regelschule, die heißt Gymnasium.

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