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Zur Lage der Bildung : Die Schule probt den digitalen Hochsprung

Die Konsequenzen für die Rolle des Lehrers sind in jedem Fall weitreichend: Sie müssen der Technik ihren Platz im Unterrichtsgeschehen geben - und für dessen Grenzen sorgen. Sie müssen einschätzen, wann die Schüler selbst geforscht, gedacht, gelernt haben - und wo sie vielleicht doch nur rasch Material für eine Präsentation zusammenkopiert haben, die ihrem Kenntnisstand gar nicht entspricht. Und die Lehrer müssen in einem Lernfeld, das die Grenzen der klassischen Lehrbücher, -karten und -filme längst hinter sich gelassen hat, erkennen und vermitteln, welche ideologische Färbung, welche Indoktrination, welcher Eigennutz schon in frei verfügbaren Unterrichtsmaterialien liegen kann - von anderen Quellen im Internet zu schweigen.

Alles auf den einzelnen abgestimmt

Die Aktivisten des Vereins LobbyControl dokumentieren seit Jahren, wie Unternehmen an Schulen ihre Marke und ihre Position präsentieren wollen. Ein ideales Einfallstor dafür: digitale Unterrichtsmaterialien. Die Bundesregierung hat sich den Einsatz von „open educational resources“ (OER) gerade wieder ganz weit oben auf ihre digitalbildungspolitische Agenda geschrieben. Mit zwei Millionen Euro schlägt die Förderung von OER bereits im Bundeshaushalt 2015 zu Buche. Das findet Eigenlob im Antrag „Durch Stärkung der Digitalen Bildung Medienkompetenz fördern und digitale Spaltung überwinden“, den die Koalition selbst gestellt und Anfang des Monats im Bundestag einmütig beschlossen hat.

Noch kurz zuvor haben sich Union und SPD mit Fachtagungen zum Thema ( „Bildung 2.0 - Digitale Bildung neu denken“ hieß die eine, „Bildung in einer digitalisierten Welt“ die andere) gegenseitig den Wind aus den Segeln zu nehmen versucht: Beide Veranstaltungen wurden am Nachmittag des 15. Junis in Berlin ausgerichtet, gerade ein paar hundert Meter voneinander entfernt. Das nennt man dann wohl Synergie: eines der großen Versprechen beim verstärkten Einsatz digitaler Medien im Schulunterricht.

Komplette Unterrichtseinheiten sind als multimediale Smartboard-Präsentation samt Zwischentests zu haben, mit denen sichergestellt werden soll, dass der Stoff zumindest im Kurzzeitgedächtnis der Schüler angekommen ist. Die Daten - die Lösungen jedes Einzelnen samt der für die Beantwortung benötigten Zeit - fließen an den Lehrer zurück, der daraus ableiten können soll, wer im Stoff mitkommt und wer noch eine Vertiefung braucht. Diese mögliche Abstimmung des Unterrichts auf jeden einzelnen Schüler ist ein weiteres großes Versprechen der digitalen Bildung.

Alles in einer Hand

Ein Nächstes ist die Möglichkeit, durch Datenanalyse die Eignung didaktischer Angebote, ja ganzer Lehrpläne sowie den Wissensstand von Klassen, ja von ganzen Schulformen in den einzelnen Bundesländern erheben zu können. Ihm gegenüber steht die Sorge, dass die Menschen künftig gleich in der Schule ein Datenpaket mit ihren Vorzügen und Schwächen, ihren Leistungen und Verfehlungen aufgebürdet bekommen, für das sich nicht nur alle weiteren Instanzen auf ihrem Bildungsweg brennend interessieren werden, sondern auch die potentiellen Arbeitgeber. Während in Amerika allein auf Bundesebene derzeit drei Gesetzentwürfe zum verantwortungsvollen Umgang mit Schülerdaten debattiert werden, überlegen die hiesigen Kultusministerien, ob Lehrer über Facebook Kontakt zu ihren Klassen halten dürfen.

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