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Bildung in frühen Jahren : Der veränderte Blick auf die Kinder

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Obstfrühstück in der Kindertageseinrichtung „forum thomanum“ in Leipzig: Nicht nur auf gute Ernährung wird bereits im Kindergarten geachtet, auch die Bildung der Kinder wird schon früh thematisiert. Bild: dpa

Aramsamsam, gulli gulli: Wer heute Kleinkind ist, kann sich vor Förderung gar nicht retten, denn so viel Aufmerksamkeit hat noch keine Generation bekommen. Ein Gastbeitrag zur Lage des deutschen Kindergartens.

          5 Min.

          Vor zwanzig Jahren befragte das Ministerium für Bildung und Wissenschaft achthundert Fachleute nach ihrer Sicht auf die Entwicklung des Wissens und der Bildung im einundzwanzigsten Jahrhundert, „auf dem Weg in die Wissensgesellschaft“. Welche Veränderungen im deutschen Bildungssystem waren zu erwarten, welche wären wünschenswert? In diesem „Bildungs-Delphi“ gab es keine einzige Frage zur frühen Bildung. Das war damals nicht erstaunlich. Ein Aufbruch zu einem neuen Verständnis von Kindheit und der Pädagogik für die frühen Jahre war von den Kinderläden der Studentenbewegung ausgegangen, aber das lag nun schon länger zurück, und auf die deutschen Kindergärten hatte das wenig ausgestrahlt. In den achtziger und neunziger Jahren war es still geworden um das Thema Kindheit.

          Seit 1996 gibt es zwar für jedes in Deutschland lebende Kind einen Rechtsanspruch auf einen Platz im Kindergarten. Aber die dort verbrachten rund 4000 Stunden erschienen eher als ein organisatorisches Problem. Man verhandelte über Kindergartenplätze und Betreuungszeiten. In die Fragebögen des „Bildungs-Delphi“ wurden im letzten Moment doch noch ein paar Fragen zur Elementarbildung aufgenommen. In den Antworten große Übereinstimmung: die frühen Jahre, die wichtigste Etappe des Bildungswesens überhaupt! Hier müsste dringend investiert werden.

          Innerhalb der Kindergärten hat sich vieles verändert

          Bald darauf lenkten die Pisa-Ergebnisse wieder den Blick auf die angebliche Misere der frühen Bildung in Deutschland. Von nun an fehlte in keiner Ansprache das Bekenntnis zur Bedeutung der Bildung im Kindergarten für Chancengleichheit und lebenslange Lernbereitschaft. Alle Bundesländer legten Bildungspläne für ihre Kindergärten auf. Der Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz wurde 2013 noch ausgedehnt auf Kinder ab dem zweiten Lebensjahr. In manchen Bundesländern ist inzwischen das letzte Kindergartenjahr beitragsfrei, und in manchen soll bald die gesamte Kindergartenzeit beitragsfrei sein. Mit dieser Aufwertung hatten Ministerium und Fachleute nicht gerechnet.

          Zwei Krippenkinder malen in der „Kreativwerkstatt“ der Kindertageseinrichtung „forum thomanum“ in Leipzig mit Hanna Ochmann (mi.).
          Zwei Krippenkinder malen in der „Kreativwerkstatt“ der Kindertageseinrichtung „forum thomanum“ in Leipzig mit Hanna Ochmann (mi.). : Bild: ZB

          Und innerhalb der Kindergärten, was hat sich da verändert in diesen zwei Jahrzehnten? Man trifft dort heute auf Forscherecken, die Kaputtwerkstatt, auf Atelier und Theaterpodium, vielleicht auf ein Wasserlabor, eine Großbaustelle im Garten neben Hochbeet und Insektenhotel. Da gibt es Weltwissenvitrinen mit interessanten Alltagsgegenständen zum Ausleihen und Untersuchen daheim, die Tausch- und Recycling-Vitrine, ein Zahlenzimmer, eine Kinderküche, Kisten mit Alltagsgegenständen aus vielen Ländern. In den Regalen stehen Bildungstagebücher für jedes Kind, geführt vom Kind und seinen Erzieherinnen. Es gibt die Waldtage, spielzeugfreie Wochen, Ausflüge in die Stadtteilbibliotheken, Partnerschaften mit Kindergärten in Afrika und Asien, Partnerschaften mit Grundschulen der Nachbarschaft. Gemeinsame Projekte zwischen Grundschulkindern und älteren Kindergartenkindern sind erwünscht, sie werden in Kinderkonferenzen vorbereitet, in vielen Kindergärten ist das schon die Regel.

          Ein neuer Blick auf die Kinder

          Die Erzieherinnen, ermutigt durch die Anerkennung ihres „Bildungsauftrags“, haben sich unerschrocken ein Thema nach dem anderen herangeholt. Alles, so scheint es, kann mittlerweile interessant sein für Kinder. Die deutsche Elementarpädagogik, anders als noch vor zwei Jahrzehnten, kann sich inzwischen sehen lassen neben der skandinavischen, der französischen, der amerikanischen, der chinesischen, der japanischen. Ist das mehr als Ausstattung? Wie übersetzt es sich ins Erleben der Kinder? Die größte Veränderung der vergangenen zwanzig Jahre ist ein veränderter Blick auf Kinder, die veränderte Haltung der Erwachsenen.

          Momente der ungeteilten Aufmerksamkeit: Erzieherin Sigrid beschäftigt sich in Ludwigshafen in der Kita „Regenbogen“ mit einem der Kindergartenkinder.
          Momente der ungeteilten Aufmerksamkeit: Erzieherin Sigrid beschäftigt sich in Ludwigshafen in der Kita „Regenbogen“ mit einem der Kindergartenkinder. : Bild: dpa

          Das deutsche Bildungssystem begegnet unseren Kindern erstmals durch Erwachsene im Kindergarten. Dabei erfährt das Kind etwas höchst Erstaunliches, so unter allen Lebewesen nur bei den Menschen zu beobachten: Ältere Artgenossen bemühen sich systematisch und nach Kräften, von ihrem Wissen abzugeben und zu teilen. Das Kind erfährt, als könnte es gar nicht anders sein: eine erwachsene Person, nicht mit mir verwandt, vielleicht sogar von anderer Hautfarbe, hält es für bedeutsam, dass mein Fuß in diesen Schuh nicht passen will. Die Person deutet auf einen anderen Schuh. Sie verharrt aufmerksam, bis ich nach einigem Zögern selbst den Dreh gefunden habe. Problem gelöst! Die Person freut sich, gratuliert mir.

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