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Bildungsideal „Gleichheit“ : Einfalt statt Vielfalt

  • -Aktualisiert am

Kinder bei der Einschulung: Wie wichtig ist Gleichheit? Bild: Amadeus Waldner

Wenn man an Schulen alles leichter macht, schafft man noch lange nicht mehr Gleichheit unter den Schülern. Im Gegenteil: Dieses Bildungsideal ist undemokratisch.

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          Was bedeutet es, wenn Bildungsstudien belegen, dass Schüler immer schlechter schreiben, lesen und rechnen können? Die jüngsten Vergleichsarbeiten aus Mecklenburg-Vorpommern etwa dokumentieren eklatante Rechtschreib- und Lesedefizite der Grundschüler, die seit der Einführung des phonetischen Schreibens, also des „Schreibens nach Gehör“, auch bundesweit zugenommen haben (F.A.Z. vom 24.Februar und 4.März). In unseren Vorstellungen davon, was gut ist für unsere Kinder oder eher für das, was wir auf unsere Kinder projizieren, hat sich eine merkwürdige Formel durchgesetzt: Je weniger Anstrengung, desto mehr Gleichheit, lautet die unhinterfragte Annahme, deren politische Konsequenz nicht ernst genug genommen werden kann.

          Denn hier wird sichtbar, worum es eigentlich geht, wenn wir über Bildung reden – um unsere Demokratie. Die Abwehr, die jegliche Form von Divergenz im Bildungskontext hervorruft, deutet darauf hin, dass eine radikale, Differenzen ausschließende Gleichheit zur Grundnorm der Demokratie erhoben wird. So wird zum Beispiel die Tatsache, dass nicht alle aufgrund unterschiedlicher Begabungen dieselben Leistungen erzielen können, bereits als Ergebnis sozialer Ungleichheit gewertet – und die Ursache hierfür in einem Zuviel an Anstrengung, Konzentration und Komplexität vermutet. Auf diese Weise kann nur Einfachheit zu der gewünschten Gleichheit führen.

          Negatives Menschenbild

          Für die Vermittlung von Sprache hat das gravierende Folgen. Das Erlernen eines Regelwerkes – der Grammatik – ist anstrengend und kann, wenn es nicht alle beherrschen, zu Ungleichheit führen. Anstatt alles daranzusetzen, jedem Menschen dieses Regelwerk zugänglich zu machen und ihm damit eine der grundlegendsten Kulturtechniken beizubringen, wird diese Anstrengung gescheut und maximale Einfachheit an ihre Stelle gesetzt. Das Ergebnis ist, dass kaum einer noch einwandfrei die Rechtschreibung beherrscht.

          Ausgangspunkt scheinen hier generell nicht die Stärken und Fähigkeiten des Menschen zu sein, sondern es wird implizit ein negatives Menschenbild zugrunde gelegt. Es müsse den Menschen alles möglichst einfach gemacht werden, weil sie jegliche Form der Anstrengung überfordern könnte, weil sie begrenzt, schwach und des selbständigen Denkens kaum mächtig seien. Der radikale Gleichheitsbegriff widerspricht auf diese Weise der Annahme, dass jeder Mensch einzigartig sei, und unterminiert die Vorstellung eines mündigen, urteilsfähigen Menschen. Die Forderung nach allumfassender Gleichheit ist somit antiaufklärerisch.

          Deckmantel der Gleichheit

          Obwohl alle das Ideal des Pluralismus hochhalten, es in Slogans wie „Vielfalt statt Einfalt“ verpacken und sich auch nicht scheuen, dies öffentlich in die Welt zu posaunen, scheint niemand zu merken, dass in den Bildungsdiskussionen das genaue Gegenteil vom vielgepriesenen weltoffenen Miteinander stattfindet. Schon der Gedanke, dass es Differenzen zwischen Menschen gibt, wird gar nicht mehr zugelassen; so, als würde die Demokratie die Existenz von Unterschieden nicht ertragen. Wenn aber Einfachheit zum neuen Bildungsideal erklärt wird, um maximale Gleichheit zu erzielen, tritt das krasse Gegenteil dessen ein, was sich seine Verfechter wünschen. Die soziale Ungleichheit wird nicht geringer, sondern größer.

          Wenn unsere Kinder nicht mehr richtig lesen und schreiben können, schenken wir ihnen damit nicht mehr Freiheit, sondern wir berauben sie ihrer Freiheit. Wenn wir es weiterhin zulassen oder sogar befördern, unsere Kinder so schlecht auszubilden, wie das die aktuellen Bildungsstudien belegen, schränken wir ihren Bewegungsradius automatisch ein, weil ihnen dadurch elementare Mittel fehlen, um sich die Welt zu erschließen. Kinder aus gebildeten Haushalten werden von dieser Entwicklung profitieren, denn ihre Eltern werden sich in Form von Privatunterricht darum bemühen, das zu ersetzen, was Aufgabe der Schule ist. Kinder aus einkommensschwachen Schichten aber sind die Verlierer jenes bildungspolitischen Feldzugs, der unter dem Deckmantel der Gleichheit soziale Ungleichheit forciert.

          Der Vorwurf, wer den schlechten Stand der Bildung kritisiere, singe das alte, schwarzkonservative Klagelied vom Werteverfall, ist deshalb nicht berechtigt. Wer das behauptet, demonstriert vor allem seine eigene Kurzsichtigkeit. Es geht nicht bloß um einen Verfall „höherer“ Werte. Es geht um Gleichberechtigung. Um Macht. Um die soziale Frage. Es geht um unsere Demokratie.

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