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Bildung : Befreiungsschlag für die Universitäten

Die Geisteswissenschaften haben die höchste Abbrecherquote Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Mut zum Abriß der Reformfassade: Drittmittel, Bachelor, Interdisziplinarität - das wichtigste Gutachten zur Lage der deutschen Geisteswissenschaften empfiehlt Abstand zu solchen Modewörtern der Hochschulpolitik.

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          Der Wissenschaftsrat ist die wichtigste Instanz für forschungspolitische Empfehlungen in Deutschland. Soeben hat er seine Einschätzung zur Lage der deutschen Geisteswissenschaften abgegeben.

          Oft sind solche Gutachten Dokumente jener Unentschiedenheit, auf die sich gegensätzliche Interessengruppen nach langen Diskussionen einigen können. Die Empfehlungen zur überflüssigen „Nationalen Wissenschaftsakademie“ waren so ein Beispiel. Oft behandelt der Wissenschaftsrat auch naturgemäß Fragen, die außerhalb des Fachpublikums niemanden umtreiben.

          Nüchternheit und Distanz

          Jetzt aber liegt der Öffentlichkeit ein Schriftsatz vor, der an Nüchternheit und Distanz gegenüber Illusionen wie Sprechblasen der Wissenschaftspolitik seinesgleichen sucht. Und er betrifft nicht irgendwelche Spezialitäten, auch wenn er zu den sogenannten „Geisteswissenschaftlichen Zentren“ Stellung nimmt und etwa von der Fortführung des „Forschungszentrums Europäische Aufklärung“ in Potsdam abrät. Der vorliegende Text betrifft vielmehr die Chancen dafür, eine der größten intellektuellen Traditionen dieses Landes, eben die geisteswissenschaftliche, nicht durch hochschul- und forschungspolitische Dummheiten zu verspielen.

          Das Gutachten setzt mit dem Befund ein, „daß hinsichtlich ihrer wissenschaftlichen Qualität und Leistungsfähigkeit von einer ,Krise' der Geisteswissenschaften in Deutschland nicht gesprochen werden kann“. Das zielt auf die weitverbreiteten Larmoyanz in den betreffenden Fächern. Eine Larmoyanz, die oft aufkommt, wenn - wie gerade im Exzellenzwettbewerb, aber auch bei den Leibniz-Preisen oder bei der Bewilligung von Sonderforschungsbereichen - die Ingenieure und Naturwissenschaftler den Löwenanteil einheimsen. Der Rat findet das Gefühl, hier gehe es ungerecht zu, deplaziert. Die geisteswissenschaftliche Forschung hänge nicht vorrangig an Drittmitteln, aber man solle sie dann auch nicht zunehmend zwingen, auf Drittmitteljagd zu gehen. Zeit, nicht Geld, wird als wichtigster Knappheitsfaktor unterstrichen.

          Teils selbst-, teils fremdverschuldet

          Das gesamte Gutachten durchzieht in diesem Sinne die Mahnung an beide Seiten, die Geisteswissenschaftler wie ihre Mittelgeber, endlich damit aufzuhören, nach Kriterien zu handeln und Zwecken zu folgen, die nur für Natur- und Technikwissenschaften sinnvoll sind. So gehörten Geisteswissenschaften primär an die Universität, eine Ausweitung der außeruniversitären Forschung wird ausdrücklich nicht empfohlen. Das bedeute aber im Umkehrschluß, daß in den Universitäten die Voraussetzungen für gute Geisteswissenschaften zu schaffen seien. Bemerkenswert an jener Formulierung über die inexistente Krise ist darum das Wort „hinsichtlich“. Denn der Wissenschaftsrat läßt keinen Zweifel, daß es in anderen Hinsichten als denen ihrer wissenschaftlicher Qualität durchaus Anzeichen für eine Krise der Geisteswissenschaften gibt: eine institutionelle nämlich, die teils selbst-, teils fremdverschuldet ist.

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