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Big Data : Warum man das Silicon Valley hassen darf

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Wo ist die App gegen Rassendiskriminierung?

Soziologen sprechen hier von einer „Schließung des Problems“. Nach einer neueren Beschreibung ist dies die „Situation, in der eine bestimmte Definition eines Problems dafür sorgt, dass bei der Erforschung der Ursachen und Folgen alternative Konzeptualisierungen des Problems ausgeblendet werden“. Und genau das geschieht heute: Von Silicon Valley inspiriert, beginnen Politiker, die Probleme in einer Weise neu zu definieren, die sie auf unvollständige Information zurückführen, und deshalb Lösungen ins Auge zu fassen, die nur eines tun: durch geeignete Apps mehr Information zu liefern.

Aber wo sind die Apps, die Armut oder Rassendiskriminierung bekämpfen könnten? Wir konstruieren Apps, um Probleme zu lösen, die unsere Apps lösen können, statt Probleme anzugehen, die wirklich gelöst werden müssen. Sehen die Leute in Silicon Valley das Chaos, in das sie uns hineinziehen? Das bezweifle ich.

Der „unsichtbare Stacheldrahtzaun“ bleibt selbst für jene unsichtbar, die ihn errichten. Das ist der Punkt, an dem die „digitale Debatte“ uns in die Irre führt. Sie versteht es, über Tools zu reden, ist aber kaum in der Lage, über soziale, politische und ökonomische Systeme zu sprechen, die von diesen Tools gestärkt oder geschwächt, erweitert und befriedet werden.

„Das Internet“ ist die Zukunft

Wenn man diese Systeme wieder in den Vordergrund der Analyse rückt, wird der „digitale“ Aspekt dieses Geredes über Tools extrem langweilig, da er nichts erklärt. In den vergangenen zwei Jahrzehnten ist unsere Fähigkeit, Verbindungen zwischen Maschinen und „kollektiven Gefügen“ herzustellen, nahezu vollständig verkümmert, und zwar, wie ich annehme, weil wir davon ausgehen, diese Maschinen kämen aus dem „Cyberspace“, sie gehörten zur „digitalen“ Welt oder zur „Online“-Welt oder, anders gesagt, sie seien uns von den Göttern „des Internets“ auferlegt worden.

Und „das Internet“, daran erinnert Silicon Valley uns immer wieder, ist die Zukunft. Wer sich diesen Maschinen widersetzt, der widersetzt sich der Zukunft. Das ist natürlich Unsinn. Es gibt keinen „Cyberspace“, und die „digitale Debatte“ ist nur eine Ansammlung von Sophistereien, die Silicon Valley sich ausgedacht hat, damit die Manager dort nachts gut schlafen können. (Sie machen sich außerdem bezahlt.) Haben wir davon nicht längst genug?

Als Erstes sollten wir ihnen ihre banale, aber äußerst effektive Sprache nehmen und als Zweites ihre fehlerhafte Geschichte. Im dritten Schritt sollten wir dann Politik und Wirtschaft wieder in diese Debatte einführen. Wir sollten die „digitale Debatte“ endgültig begraben – zusammen mit dem Übermaß an intellektueller Mittelmäßigkeit, das sie bislang hervorgebracht hat.

Aus dem Englischen von Michael Bischoff

Evgeny Morozov

Evgeny Morozov, 1984 in Weißrussland geboren, lebt in Amerika, beschäftigt sich mit den politischen Auswirkungen der Technik und schreibt für die F.A.Z. die Kolumne „Silicon Demokratie“.

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