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Revolution in Frankreich? : Was man mit Pflastersteinen alles machen kann

Frisst die Revolution mal wieder ihre eigenen Kinder? Eine Frage des politischen Blickwinkels. Bild: dpa

In Frankreich probt die Bewegung „Nuit Debout“ den Aufstand. Da jubelt die Linke, die Rechte zetert und die Regierung zittert. Doch ist das eine demokratische Revolte? Dass der Philosoph Alain Finkielkraut misshandelt wurde, ist kein gutes Zeichen.

          Wir haben die größte Mühe, unsere Kinderkrippen und Schulen zu beschützen“, wettert die Sprecherin der „Republikaner“, der Partei von Nicolas Sarkozy: „Aber unsere Polizei muss sich ständig um die Place de la République kümmern.“ Eine „Diktatur der Minderheit“ wittert ihr Parteifreund Bruno Le Maire. Die Panikmache rund um die Protestbewegung „Nuit Debout“ hat nach dem Rausschmiss des Philosophen Alain Finkielkraut, der auf einer Kundgebung beschimpft und bespuckt wurde, eine neue Dimension erreicht. „Die ‚chienlit‘ nistet sich im Herzen der Hauptstadt ein“, twitterte aus Nizza der Politiker Eric Ciotti. General de Gaulle verwendete den Begriff im Mai 1968: Die „chienlit“ steht für Chaos und Anarchie und die panische Angst der Bourgeoisie vor der Revolution.

          Jürg     Altwegg

          Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

          Vor knapp vierzig Jahren flogen die Pflastersteine von den Barrikaden. In den vergangenen Nächten wurden sie in ganz anderer Absicht aus der für zwanzig Millionen Euro renovierten Place de la République gerissen: um kleine Gemüsegärten anzubauen. „Generaltraum“ ist eines der Mottos, unter dem jeden Nachmittag Hunderte und Tausende von Bürgern zusammenkommen und bis in den frühen Morgen diskutieren. Sie wollen eine „neue gemeinsame Erzählung“ schreiben. Die Bewegung ist mit dem Protest der Schüler gegen das geplante Arbeitsrecht und mit den zwei Filmen „Demain“, einem optimistischen Katalog für eine bessere Welt, sowie „Merci Patron“ – in dem der Unternehmern und Milliardär Bernard Arnault vorgeführt wird – verknüpft.

          Eine „revolutionäre Blase“?

          Die Filme haben inzwischen ein Millionenpublikum erreicht. Der Regisseur François Ruffin, der „Merci Patron“ gedreht hat und auch die Zeitschrift „Fakir“ leitet, ist zu einer Schlüsselfigur der neuen Bewegung geworden. Auch der ehemalige Umweltspezialist von „Le Monde“, Hervé Kempf, spielt eine zentrale Rolle. Genauso wie der Ökonom Frédéric Lordon, der dem „Reich des Kapitals“ den Kampf angesagt hat. Doch keiner will ein Anführer sein. „Rote Nacht“ wurde als Name der Bewegung verworfen, „Nuit Debout“ steht für die Nacht der Wachen und Aufrechten. Noch im Mai 68 träumte man vom „Grand Soir“, dem Vorabend der Revolution. Ist die von François Furet in „Das Ende der Illusion“, seinem großen Werk über den Kommunismus, prophezeite Renaissance des revolutionären und utopischen Denkens nun angebrochen?

          Seit dem üblen Umgang mit Alain Finkielkraut auf einer Versammlung müssen sich die Linksextremen und Grünradikalen der „Nuit Debout“, die zuvor schon ihre Gewaltbereitschaft bekundet hatten, den Vorwurf eines mangelhaften Demokratieverständnisses vorwerfen lassen. Finkielkraut, der sich eine eigene Vorstellung machen wollte, spricht inzwischen von einer „linken Kirchweih“ und einer „revolutionären Blase“. „Nuit Debout“ verhalte sich so, als hätte es den Totalitarismus des zwanzigsten Jahrhunderts nicht gegeben.

          Die Regierung zittert

          Viele haben sich in den Online-Netzwerken von den Hassausbrüchen distanziert. Vor Finkielkrauts verhindertem Besuch hatte „Nuit Debout“  Giannis Varoufakis einen triumphalen Empfang bereitet. Der ehemalige griechische Finanzminister erinnerte an die Besetzung des Syntagma-Platzes in Athen, aus der die Regierungspartei Syriza hervorgegangen sei. In Frankreich erreicht der Linkspolitiker Jean-Luc Mélenchon in den Umfragen bereits fast so viele Stimmen wie Hollande. Mélenchon vergleicht sich mit dem Demokraten Bernie Sanders, dessen Kandidatur durch „Occupy Wall Street“ ermöglicht worden sei.

          Die Stimmungsmache der Rechten gegen „Nuit Debout“ ist Teil ihrer Strategie der Rückkehr an die Macht. Sie schürt den Vorwurf, die Linke sei nicht fähig, die Ordnung aufrechtzuerhalten. Aber als Kiffer und arbeitsscheue Schmarotzer haben nur die Anführerinnen des Front National die aufgeweckten Nachtruhestörer bezeichnet. Die Regierung zittert wie immer, wenn die Jugend auf die Straße geht.

          Große Versprechen

          Vor genau zehn Jahren, im April 2006, krebste Chiracs Premierminister Dominique de Villepin mit seinem Vorschlag eines „Contrat Premier Emploi“ – des ersten Arbeitsvertrags – unter dem Druck des Jugendprotestes zurück. Nochmals ein Jahrzehnt zuvor reagierte Alain Juppé auf den Widerstand gegen seine Reform mit vorgezogenen Neuwahlen – und verlor die Macht.

          Die Jugend hatte für den Präsidenten François Hollande Priorität. Vor einer Woche empfing Premierminister Valls acht Schüler- und Studentenverbände, denen er fünfhundert Millionen Euro versprach: Die Stipendien würden erhöht und nach dem Studienabschluss vier Monate lang weiter bezahlt. Jetzt ist sogar von ihrer Verlängerung bis zum ersten Job die Rede. Überdies will die Regierung auch noch die Altersgrenze für den Bezug des Mindesteinkommens von 25 auf achtzehn Jahre senken. Und ein prominenter Sozialist hat für die Freigabe von Haschisch plädiert.

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