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Beutekunst : Eigentum aufgeben, Besitz erhalten

Schwarzweißabzug des „Aachener Doms” von Johann Gottfried Pulian (um 1850). Das Bild hängt im Museum in Simferopol, Ukraine Bild: dpa

Das Symposion über Beutekunst in Aachen fordert Reisefreiheit für Bilder und überrascht mit einem Vorschlag, der den seit Jahren herrschenden Stillstand in den Verhandlungen überwinden soll.

          Die Hauptfigur saß, zierlich und etwas irritiert ob der großen Aufmerksamkeit, in der ersten Reihe. Von der Krim war Larina Vladimirovna Kudryashova, Direktorin des Museums in Simferopol, zum Symposion über Beutekunst nach Aachen gereist, keine zwei Wochen, nachdem sie eine Delegation des Suermondt-Ludwig-Museums zu Gast hatte. Ihr schneller Gegenbesuch ist Ausdruck der neuen Bewegung, die in das Verhältnis der Museumsleute beider Länder gekommen ist und die von Frau Kudryashova wesentlich angestoßen wurde.

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

          Denn für gleich zwei mutige Schritte, so der Oberbürgermeister in seiner Begrüßung, sei ihr zu danken: Habe sie doch siebenundachtzig Gemälde, von denen die meisten aus Aachen stammen und am Ende des Krieges aus Meißen in die Sowjetunion deportiert wurden, nach Jahren des Verschollenseins nicht nur öffentlich, sondern auch der Wissenschaft zugänglich gemacht. Das lasse darauf hoffen, diese Kunstwerke könnten bald ausgetauscht und gezeigt werden.

          „Ernsthafte Veränderungen“

          Einen „gleichwertigen Austausch von Exponaten“ kann sich auch Frau Kudryashova vorstellen. Dem aber stünden, so betonte sie in ihrem Vortrag, „nicht wenige Streitigkeiten und Meinungsverschiedenheiten“ entgegen, und so brauche es „ernsthafte Veränderungen, die auf moralisch-ethischen Prinzipien fußen sollten“. Zwischen den beiden offiziellen Positionen, der deutschen und der ukrainischen, versucht sie zu vermitteln. Denn während sich die Bundesrepublik auf das Völkerrecht beruft, das – nach Artikel 56 der Haager Landkriegsordnung – jede Beschlagnahme von Kunst untersagt, hat die Ukraine 1999 ein Gesetz beschlossen, das sich, wenn auch womöglich flexibler in der Anwendung, an das russische Vorbild anlehnt: Im Jahr zuvor hatte die Duma im Zuge einer „kompensatorischen Restitution“ die Beutekunst – bis auf wenige Ausnahmen – kurzerhand zum nationalen Eigentum erklärt. Seitdem, sagte Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, in seiner Eröffnungsrede über die deutsch-russischen Kulturbeziehungen, herrsche Stagnation. Der politische Verhandlungsstil sei freundlich, bahnbrechende Ergebnisse aber sind nicht zu erwarten.

          Im Kunstmuseum von Simferopol

          Den lähmenden Stillstand hinzunehmen, sind die Museumsleute schon lange nicht mehr gewillt. Den juristischen und politischen Positionen setzen sie moralische Forderungen und das Interesse der Öffentlichkeit entgegen. „Kunstwerke wurden nicht geschaffen, um versteckt zu werden“, erklärte Frau Kudryashova unter Beifall. Inzwischen haben große Institute vielfältige Kontakte aufgebaut, die auch auf kleinere Häuser ausgedehnt werden sollen. Der Austausch wird intensiviert, doch manche Kunstwerke dürfen nicht reisen und bleiben, viele von ihnen noch immer unidentifiziert, in Internierungshaft. Ein solcher Zustand, sagte Parzinger vorsichtig optimistisch, lasse sich am ehesten überwinden, indem die Beziehungen so weit verbessert werden, dass ihn die Menschen „in zwanzig Jahren“ nicht mehr verstehen. Doch Geduld allein ist ein schwacher Ratgeber, und sich in ihr zu üben, noch längst keine Lösung.

          Verlustverkäufe und Rückführungen

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