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Besuch in Dachau : Worüber kein Gras wächst

Das Nebeneinander von Garten und Grauen: vor dem Wachturm wird vertikutiert Bild: Andreas Müller

Dachau wird immer die Stadt bleiben, in der das Konzentrationslager stand. Damit haben ihre Bewohner auch mehr als sechzig Jahre nach Ende des Krieges zu kämpfen. Die einen dafür, die anderen dagegen. Aus einem deutschen Ort.

          Zwei Mädchen liegen sich in den Armen, stumm wiegen sie die Körper im Frühlingswind. Ihre Mitschüler, die sie umringen, nehmen keine Notiz, sie schauen selbst recht verloren in die Welt. Sie blinzeln in die Sonne, aber es ist kein Trost und keine Wärme in diesem Licht; es macht alles nur noch unerträglicher. So stehen sie in der Kieswüste des ehemaligen Konzentrationslagers und wissen nicht, wohin mit ihren Gefühlen und mit ihren Gedanken. Aus Italien hat man sie hierher gebracht, in die Gedenkstätte. Im Museum waren sie schon, dort hat man ihnen in aller Ausführlichkeit auseinandergesetzt, wie der deutsche Faschismus mit seinen Gegnern umgegangen ist. Nun türmen sich über ihnen sechs Meter hoch dunkle Skelette, ineinander verschlungene dürrste Körper aus Bronze, die an die Ermordeten des Konzentrationslagers erinnern. Die Barracken haben sie noch vor sich. Dort, zwischen den Stockbetten, die gestapelten Särgen ähneln, verstummen dann die Letzten. Nur noch das Schlurfen der Turnschuhpaare auf den Holzdielen. Das ist das eine Dachau.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Das andere kann man in direkter Nachbarschaft der Gedenkstätte sehen, in der Karl-Riemer-Straße. Riemer war ein Nürnberger Kommunist, der sich kurz vor der Befreiung des Konzentrationlagers zu den Speerspitzen der amerikanischen Armee in Pfaffenhofen durchschlagen konnte. Die Gärten der Reihenhäuser enden an der Mauer des Lagers. Die Grundstücke waren preiswert. Die Arrestzellen des sogenannten Bunkers sind aus den oberen Stockwerken zum Greifen nahe. Die Kinder, die in unmittelbarer Nähe von Stacheldraht und Wachtürmen heranwachsen, finden das ganz normal. „Warum soll ich eigentlich schlaflose Nächte haben? Es gibt keine Probleme“, hat Heinrich Schafflik dem Dokumentarfilmer Bernd Fischer („Grüße aus Dachau“, 2003) anvertraut. Er hat eines der Häuser gebaut, und sein Neffe Dieter - Bassist in der Band „Vacilón“ - erzählt im gleichen Film, er habe an dieser Mauer die Liebe zum Blues entdeckt, weil unter den Gefangenen der Amerikaner, die das Lager nach dem Krieg nutzten, immer wieder tolle Sänger gewesen seien, deren Lieder er hören konnte. Hinter der Mauer, da lag für ihn Amerika.

          43.000 Tote - mehr, als heute in der Stadt leben

          Ein paar Meter weiter lebt die Große Kreisstadt Dachau ihr Kleinstadtleben. Mit Ampelphasen und Baumärkten, Tankstellen und Fast Food. Und drei Kilometer Luftlinie weiter Richtung Westen liegt auf einem Hügel die zauberhafte Altstadt nebst Schloß, wo es sehr ruhig zugeht, weil viele Geschäfte an den Stadtrand gezogen sind. In keinem anderen deutschen Gemeinwesen ist der Name der Stadt so untrennbar mit den Greueltaten des Nationalsozialismus verstrickt. Dabei kommt es vor, dass ausländische Gäste den Weg nach Auschwitz erfragen - also ob das um die Ecke läge. Man kann den Umstand, dass hier das erste Konzentrationslager gebaut wurde, ignorieren, man kann sich damit arrangieren oder sich dafür enagieren. Aber man kann sich nicht gleichgültig dazu verhalten. Dachau bleibt wie Auschwitz eines der Synonyme des organisierten Massenmordes. 206.206 Häftlinge saßen hier ein. Mehr als 43.000 kamen ums Leben - annähernd so viele Menschen leben heute in der Stadt nördlich von München.

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