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Jüdisches Historisches Institut : Protokolle der Vernichtung

Ausgegraben fünf Jahre nach Kriegsende: Die alte Milchkanne, in der im Warschauer Getto Teile der Dokumente versteckt wurden Bild: Jüdisches Historisches Institut

Dieses Archiv ist Ausdruck eines unbedingten Glaubens an die Überlegenheit des Wortes über die Gewalt: Besuch im Jüdischen Historischen Institut in Warschau, das eine einzigartige Dokumentation vom Leben im Getto bewahrt.

          6 Min.

          Der verspiegelte Büroturm neben dem alten, vornehmen Warschauer Gebäude ist eine Monstrosität, wie Großstädte sie sich nun einmal leisten. Doch wenn man die Geschichte kennt, wird daraus ein Bild für Erinnern und Vergessen: An dieser Stelle stand einst die Große Synagoge von Warschau, spirituelles Zentrum der größten jüdischen Gemeinde im Europa des frühen zwanzigsten Jahrhunderts. Vor gut 75 Jahren, am 16. Mai 1943, wurde die Synagoge nach der Niederschlagung des Aufstands im Warschauer Getto gesprengt. Die Vorbereitungen hatten zehn Tage gedauert und den ganzen Ehrgeiz der deutschen Sprengexperten herausgefordert. „Es gibt keinen jüdischen Wohnbezirk in Warschau mehr!“, schrieb der SS-Gruppenführer und Generalleutnant der Polizei Jürgen Stroop, verantwortlich für die „Großaktion“, nach der Tat in seinem Bericht. Wie durch ein Wunder überlebte die Judaische Bibliothek auf der anderen Straßenseite, als die drei Quadratkilometer des Gettobezirks dem Erdboden gleichgemacht wurden. Spuren der hereinschlagenden Flammen sind heute noch zu sehen.

          Paul Ingendaay
          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Das jüngst renovierte Gebäude an der Tlomackie-Straße beherbergt das Jüdische Historische Institut, gegründet 1947 von Holocaust-Überlebenden, und seinen wertvollsten Schatz: das Emanuel-Ringelblum-Archiv. Ringelblum, ein 1900 geborener linker Zionist, Historiker und Sozialarbeiter, war während der Besetzung Polens durch die Nationalsozialisten der Kopf einer klandestinen Gruppe mit dem Tarnnamen „Oneg Shabbat“, Hebräisch für „Freude des Schabbats“. Sobald die deutschen Unterdrückungsmechanismen offenbar wurden, fasste Ringelblum den Entschluss, die Chronik der polnischen Juden, ihrer Alltagsgeschichte und Kultur, ihrer Politik und ihres Widerstands zu schreiben. Zusammen mit mehreren Dutzend festen Mitarbeitern – Lehrern, Wissenschaftlern, Schriftstellern – dokumentierte er bis zum letzten Augenblick Leben und Untergang des Warschauer Gettos. Insgesamt 35.000 Seiten trugen Ringelblum und seine Gefährten zusammen, von Berichten, Briefen und Memoiren bis zu Postern, Programmzetteln und Essensmarken.

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