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Besetzte Volksbühne in Berlin : „Für die Dauer der Inszenierung vom Kollektiv verwaltet“

  • -Aktualisiert am

Besetzte Volksbühne in Berlin Bild: dpa

Die Besetzer der Volksbühne in Berlin klagen über Gentrifizierung – und Kultursenator Lederer von der Linkspartei stellt sich ihnen entgegen.

          Tag 2 der Besetzung der Volksbühne am Rosa Luxemburg-Platz, Samstag Abend, kurz nach 20 Uhr. Die Bolschewistische Kurkapelle Schwarz-Rot tritt auf, die mit ihrem schmissigen Blasmusik-Punk auch in der alten Castorf-Volksbühne öfter zu Gast war. Überhaupt ist offenbar alles wie früher. Nachdem seit dem Abschiedsfest der alten Crew Ende Juni das Haus außen und innen wie ausgestorben war, scheint jetzt wieder das gleiche Publikum wie ehedem das Foyer zu bevölkern. An einem Notenständer der Kurkapelle hängt ein Wahlplakat von Konrad Adenauer: „Keine Experimente!“ Das sei das Programm, sagt der Bandleader: „Ihr wollt ja auch das Alte wiederhaben. Das unterstützen wir gerne.“ Allseits Grinsen über die gutmütige Ironie.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Aber die Nostalgie trügt, in Wirklichkeit spielt sich da etwas ganz anderes ab. Für die Besetzergruppe, die ihren „harten Kern“ mit vierzig und ihren „Mantel“ mit 110 Personen beziffert, ist das Theater nur eine von mehreren Möglichkeiten, die durch die Aktion realisiert werden sollen. Bei der Vollversammlung der Besetzer am frühen Samstagabend ging es darum, was nun vordringlich diskutiert werden soll, und die Verschiedenheit der Vorschläge spiegelte die Bandbreite der Motive: Die erste sagte "Volk" und Kinderbetreuung, der zweite „Kunst“, die dritte „Gentrifizierung“, der vierte „Organisation“. Schließlich kam man überein, sich in kleinere Gruppen aufzuteilen, die ihre Ergebnisse am Ende wieder im Plenum vortragen.

          „Engagiertes dialektisches Theater 2.0“

          Die Volksbühne soll das „neue Zentrum der Anti-Gentrifizierungs-Bewegung“ werden, und dazu soll dann neben der Kunst vor allem permanente Selbstorganisation, Diskussion und Einbeziehung möglichst vieler sozialer Gruppen gehören. Die umstrittene Bestellung Chris Dercons als Nachfolger von Frank Castorf erscheint dem „Kollektiv“ als Symbol für eine Politik, die über die Zukunft der Stadt „unter Ausschluss der Öffentlichkeit“ entscheide; diesem Symbol wollen sie mit der besetzten Volksbühne ein anderes Symbol entgegenstellen, das politisches Modell, soziales Experiment und Theater zugleich ist.

          An Theorien und originellen Begriffserfindungen ist kein Mangel in den vielen Seiten Text, die die Besetzer zur Erklärung ihrer Absichten ins Internet gestellt oder auf mit offenbar alten Schreibmaschinen getippten Wandzeitungen in die Wandelgänge gehängt haben. Ein „engagiertes dialektisches Theater 2.0“ wollen sie auf die Beine stellen, dem es um das „Schaffen von mimetischen Möglichkeitsräumen“ gehe. "Wir wenden uns an alle, die den Schritt aus dem Hamsterrad wagen wollen", heißt es in einem Papier, und in einem anderen: "Kommt, seht, widerstrebt, lebt!" 

          Der Intendant Dercon soll bei diesen Plänen dann gar keine Rolle mehr spielen; wenn es nach den Besetzern geht, die betonen, nichts persönlich gegen ihn zu haben, solle er ruhig weiter den ehemaligen Flughafen Tempelhof und vielleicht noch ein anderes großes Haus bespielen. Die Volksbühne aber solle „für die Dauer unserer Inszenierung vom Kollektiv verwaltet werden“.

          Der Berliner Kultursenator Klaus Lederer von der Partei Die Linke, erklärtermaßen kein Freund Dercons, hat sich von den Besetzern auf seinem Facebook-Account distanziert: "Der Kampf um Freiräume kann nicht dadurch geführt werden, dass existierende Freiräume – ob mir gefällt, was dort passiert, oder nicht – privatisiert und unter eine angemaßte Kontrolle gestellt werden." Nicht auch dem anderen seine Kunstfreiheit zuzugestehen, sei "nicht progressiv". Aber nach zähen Verhandlungen mit Intendanz und Kultursenat wurde den Besetzern offenbar zugestanden, dass sie erst mal bleiben können, solange sie nichts kaputt machen. Die Volksbühne kurz vor der Bundestagswahl räumen zu lassen, will dann doch niemand.

          Was bei den Besetzern schon jetzt stark entwickelt ist, ist der Sinn für Verfahren ("Prozessvorschläge" haben immer Vorrang) und Regeln. In allen Gängen hängen die "Hausregeln": "Seid solidarisch mit den Mitarbeitern des Hauses". "Vandalismus ist verboten (Das Gebäude steht unter Denkmalschutz)". Ein "Awareness-Team" ist für die Durchsetzung der Regeln verantwortlich. "Awareness" steht auch an der Tür zu einem schummrig beleuchteten Ruheraum voller Sessel, der offenbar zur psychischen Deeskalation in Notfällen da ist. Was weniger deutlich ist, ob der Plan aufgeht, in der Volksbühne Theater zu machen. Die Besetzer wollen Mitglieder des Castorf-Ensembles gewinnen, dass sie sich bei ihnen engagieren, dass Stücke aus dem alten Repertoire wieder aufgeführt werden. Doch bislang ist davon nichts zu hören. Man hört im Moment nur rund um die Uhr die dumpfen Bässe aus dem Roten Salon.

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