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Beschneidungsdebatte : Unzeitgemäßer Grundpfeiler?

  • -Aktualisiert am

Darf man fragen, ob für alle Zeiten richtig ist, was schon immer so gemacht wird? Bild: dapd

In einer gemeinsamen Entschließung wollen sich die Bundestagsfraktionen an diesem Donnerstag für die Erlaubnis von Beschneidungen von Jungen aussprechen. Was dabei dem Kind geschieht, bleibt bislang merkwürdig unbeleuchtet.

          Der Mohel arbeitet ernst und routiniert: Das „Baruch ha-ba“ („Gesegnet, der da kommt!“) ist gesprochen und Gott, der die Beschneidung befohlen habe, gelobt. Nun nimmt der Mohel den Kamm, trennt die Vorhaut von der Eichel und schiebt den Magen (das Schutzschild) dazwischen, um die Eichel vor Verletzungen zu schützen. Dann nimmt er das Skalpell. Ein geübter Schnitt, schon ist es vorbei und das Kind „in den Bund eingeführt“. Es schreit.

          David Goldberg ist seit fünfzehn Jahren Gemeinderabbiner der jüdischen Gemeinde Hof und hat als diplomierter Mohel schon mehr als viertausend Jungen beschnitten. Er ist sicher, dass er zuverlässiger beschneide als Ärzte im Krankenhaus, weil dort für derartige leichte Operationen meist jüngere Doktoren mit wenig Erfahrung eingesetzt würden. Eine Betäubung sei nicht nötig, sagt er, denn „Schmerzen kommen von den Nerven, und bei so kleinen Kindern sind die Nerven noch nicht voll entwickelt.“

          Alles also halb so schlimm?

          Der Zentralrat der Muslime in Deutschland lässt wissen, dass die Beschneidung (Tahara) der Jungen „in allen monotheistischen Religionen über Jahrtausende weltweit bis heute angewandt wird. Darüber hinaus ist es wissenschaftlich erwiesen, dass eine medizinisch fachgerechte Zirkumzision nur Vorteile für die Kinder und späteren Erwachsenen mit sich bringt.“ Rafael Seligmann, Verleger und Herausgeber der „Jewish Voice from Germany“, hat seinen Sohn und zwei weitere Knaben durch die Brit Mila begleitet, und er sagt, die ganze Zeremonie dauere dreißig Sekunden. „Das Weinen ist schnell zu Ende, nachdem der Mohel ihm ein Läppchen mit Zuckerwasser an den Mund gehalten hat.“ Das Ritual am achten Tag sei sinnvoll, „mit acht oder zehn Jahren hast du Angst davor“, sagt er. Und größere Schmerzen. Was die Juden anbetrifft, so könne von einem nachhaltigen Trauma nicht die Rede sein, ihm sei nicht bekannt, „dass Jesus, Einstein, mein Sohn und Millionen andere Juden bleibende Schäden davongetragen hätten“.

          Alles also halb so schlimm? Das Urteil des Kölner Landgerichtes nennt Seligmann „empörend“, Deutschland diskutiere ein „Luxusproblem“. Das ist auch die Sorge des Bundesaußenministers, der sich um das Ansehen des Landes zu kümmern hat. Aus außenpolitischer Sicht sei es geboten, in der Frage bald Klarheit zu schaffen. Für den Gesundheitsminister ist „die freie Ausübung der Religion ein ganz hohes Gut“. Der Chef der Bundesärztekammer nennt das Urteil „sehr kulturunsensibel“. Kommentatoren sprachen von „antireligiösem Fundamentalismus“, „Ressentiments“ und „Rassismus“ auf Seiten derer, die das Urteil begrüßten. Am 16. Juli fand auch die Bundeskanzlerin eine Meinung. Deutschland dürfe nicht das einzige Land sein, in dem Juden nicht ihre Riten ausüben dürften: „Wir machen uns ja sonst zur Komiker-Nation.“

          Die Zirkumzision wird schönphilosophiert

          Gefahr ist also im Verzug. Nun soll es schnell gehen, der Bundestag kümmert sich in seiner Sondersitzung an diesem Donnerstag auch um das Problem der Beschneidungen. Zweifellos werden Regierung und Abgeordnete eine gesetzliche Lösung finden, um Deutschlands Ansehen in der Welt zu retten. Aber die Kinder? Darf man fragen, ob für alle Zeiten richtig ist, was schon immer so gemacht wird? Was dem Kind geschieht, bleibt in der öffentlichen Debatte merkwürdig unbeleuchtet, wird unter formaljuristischen Debatten versteckt oder schönphilosophiert.

          Was bei einer Zirkumzision geschieht, ist ohne große Anstrengung in Augenschein zu nehmen - auch für Volksvertreter. Zahlreiche Internetseiten (circumcision.org, Beschneidung-von-Jungen.de) zeigen Fotos und Filme. Der Münchner Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer durfte in der „Süddeutschen Zeitung“ schreiben, die Operation erzeuge „extreme Schmerzen“. Bei Neugeborenen seien Vorhaut und Eichel noch fest verwachsen, schrieb er, die beiden Strukturen müssten „zunächst einmal auseinandergerissen werden“. Der schlimmste Vergleich auf den genannten Internetseiten beschreibt die Prozedur „Häutung eines Eichhörnchens“. Tatsächlich liegt nach der Operation die empfindlichste Stelle des Körpers eines männlichen Menschen wund und blutig da. Schmidbauer: „Kein nachdenklicher und einfühlender Mensch wird es billigen, dass Säuglingen ein Teil ihres Körpers weggeschnitten wird.“

          Im Grunde nicht mehr zeitgemäß

          Die Liste der Studien zu durchforschen, die sich mit den Komplikationen dieser rituellen Praxis beschäftigen, ist müßig, es gibt für jeden Befund eine Gegenanalyse. Schmidbauer beruft sich bei seinen Einschätzungen auch auf die bekannten Bücher von Ronald Goldman und David L. Gollaher und sieht nur einen Sinn dieser Prozedur: Neugeborene oder kleine Jungen zu beschneiden „fügt sich in die zahlreichen Versuche der Religionsgemeinschaften ein, möglichst früh bindende Rituale zu vollziehen“. Der Zentralrat der Juden in Deutschland bestätigt dieses Urteil: „Wer seinen Sohn nicht beschneiden lässt und derjenige, der dies auch nach Vollendung des 13. Lebensjahres nicht nachholt, stellt sich außerhalb des Bundes zwischen Gott und dem Volk Israel“, so steht es auf der Homepage.

          Die jüdische Publizistin Hanna Rheinz nennt dies eine „Anmaßung“. Gleichzeitig erkennt sie ein Dilemma: Die Zirkumzision sei „im Grunde nicht mehr zeitgemäß“, aber „ein Grundpfeiler“ ihrer Religion, den auch sie nicht abschaffen wolle. Für eine unüberwindliche Hürde, die derzeitige Praxis zu ändern, hält sie die Haltung von Rabbinern und Zentralrat, wissenschaftliche Erkenntnisse als nicht relevant anzusehen. Über das „Läppchen mit der Zuckerlösung“ lacht sie, es enthalte eher eine Mischung aus Rotwein und Honig, deshalb bekämen die gerade neu Geborenen „ihren ersten richtigen Schwips“ und schliefen meist ein. Das Narkosemittel wird also erst nach der Operation verabreicht. Rheinz, die einen Teil ihres Berufslebens dem Tierschutz gewidmet hat, klingt resigniert. Vergleiche mit Hunden oder Ferkeln führten nicht weiter. „Damit hilft man weder den Kindern noch den Tieren.“

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