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Beschneidungsdebatte : Ein Rechenfehler

Recht auf Erziehung

Einen falschen Gegensatz konstruiert das Gericht, indem es das elterliche Erziehungsrecht gegen das Grundrecht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit und Selbstbestimmung ausspielt. Die Eltern erscheinen hier als Angreifer, deren Willkür eine Grenze gezogen werden muss. Aber das Erziehungsrecht der Eltern ist kein Privileg auf Kosten des Kindes, keine Verfügungsmacht, wie sie Mieter gegenüber Vermietern besitzen. Es ist gar kein Grundrecht nach Art der Meinungs- oder Berufsfreiheit, kein Recht auf Selbstverwirklichung. Die grundrechtlich geschützte Position ist in Wahrheit das Recht des Kindes, von den eigenen Eltern erzogen zu werden. Eltern, die ihren Sohn zur Beschneidung bringen, handeln im Interesse des Kindes.

Das Amtsgericht hatte das im Kölner Fall in der ersten Instanz noch bestätigt: Der Entschluss der Eltern „richtete sich zutreffend am ,Wohl ihres Kindes’ aus“. Die Beschneidung diene nämlich „als traditionell-rituelle Handlungsweise zur Dokumentation der kulturellen und religiösen Zugehörigkeit zur muslimischen Lebensgemeinschaft“ und wirke damit „einer drohenden Stigmatisierung des Kindes entgegen“. Das Unerträgliche an der Meinung des Landgerichts, dass die Einwilligung der Eltern die Beschneidung nicht rechtfertigen kann, ist der Schaden, den sie dem Kind zufügt. Welchen Effekt hat die an den Beschneider adressierte Strafdrohung? Dem Jungen wird das Zeichen des Bundes vorbehalten, die im Familienkreis gefeierte Beglaubigung seiner Zugehörigkeit zur Gemeinschaft der Gottesfreunde. Sein Leben soll sich nicht von Anfang an in Übereinstimmung mit Abrahams Vorbild oder dem Beispiel des Propheten entfalten dürfen.

Was auf dem Spiel steht

Leon Wieseltier schrieb 2009 in der „New Republic“ in einer Replik auf Christopher Hitchens, der die Beschneidung als sexuellen Missbrauch charakterisiert hatte, der wichtigste Gesichtspunkt, der für den Ritus spreche, sei Mitgliedschaft: „Ich bin ein Jude, und so ist mein Sohn ein Jude. Da ich glaube, dass es eine Ehre ist, ein Jude zu sein, werde ich meinem Sohn diese Ehre nicht vorenthalten. Wenn ich ihn nicht zu einem Juden mache, kann er sich später nicht entscheiden, ob er ein Jude sein will oder nicht, weil er das nicht kennt, wofür oder wogegen er sich entscheidet.“ Genauso argumentierte jetzt Robert Spaemann in der „Zeit“. Wieseltier weiter: „Mein Kind ist frei, aber jetzt noch nicht. Und der Schnitt ist nicht das einzige Zeichen, das ich an ihm anbringe. Vielleicht wird er die Liebe und den Stolz in diesem Zeichen sehen. Aber er ist nicht nur seines Vaters Sohn, wie ich nicht nur meines Vaters Sohn war. Wir sind die Söhne eines Volkes.“

In jüngerer Zeit häufen sich Kontroversen um die religiöse Erziehung. Auf dem Spiel steht das Recht der Kinder, in eine moralische Welt hineinzuwachsen. Sie müssen sich darauf verlassen dürfen, dass der Staat ihre Eltern nicht als ihre Feinde betrachtet und nur im äußersten Notfall, wie ihn das Bundesverfassungsgericht im Verfahren um die Ablehnung der Bluttransfusion durch die Zeugen Jehovas zu erörtern hatte, als Vormund an die Stelle der Eltern tritt. Der Anteil der Beschnittenen unter den Männern auf der Welt wird auf ein Drittel geschätzt.

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