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Beruf und Familie : Man muss wahnsinnig sein, heute ein Kind zu kriegen

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Der eigene Optimierungswahn

Vielleicht hängt die große Unzufriedenheit auch damit zusammen, dass die Selbstverwirklichung, die Gestaltung und Optimierung des eigenen Ichs jungen Erwachsenen heute als ein zentraler Wert vermittelt wurden. Ein Wert, der sich so weit verselbständigt hat, dass er das Ich versklavt hat, und der nur schwer mit der Aufgabe, ein Kind großzuziehen, harmoniert. Wo bleibt denn da das Ich? Mit dieser Überlegung wird einmal mehr offenkundig, wer es eigentlich ist, der sich öffentlich zu dem Kinder-Thema äußert: das soziale Milieu der Akademiker, der Ichs und Optimierer. Was Lastwagenfahrer und Supermarktkassierer dazu denken, liest man überhaupt nicht und weiß folglich auch nicht, was die sich wünschen würden. Nicht jeder Mensch empfindet seinen Beruf als sinnstiftend. Und so ist auch dieser Text die Selbstaussage eines bestimmten Milieus.

Ich möchte aber nicht so ein effizienter Funktions-Arsch im Dienst meines versklavten Ichs, meines Arbeitgebers und der Deutschlandproduktion werden, nur unter den gegebenen Umständen wäre ich das bestimmt. Zum einen weil sich der eigene Optimierungswahn nur schwer beherrschen lässt, und zum anderen weil die Dinge so liegen: Die berufstätige Mutter ist inzwischen das vorherrschende Rollenideal. Es darf aber nichts herrschen. Womit nicht gesagt ist, dass es falsch ist, wenn eine Frau für sich entscheidet, dass sie nach der Geburt so schnell wie möglich arbeiten möchte. Es darf aber ebenso wenig falsch sein, wenn eine Frau sich entschließt, soundso lange zu Hause zu bleiben, wenn ihre finanziellen Möglichkeiten das denn erlauben. Oder wenn ein Mann das tut, was statistisch gesehen recht unwahrscheinlich ist. Inzwischen nimmt jeder dritte Vater Elternzeit, in der Regel allerdings nicht länger als zwei Monate, was auch zeigt, welches Männerbild in Deutschland immer wieder bestätigt wird. Der Mann muss arbeiten, aufsteigen und funktionieren, außerdem noch, so viel es geht, Vater sein.

Die Kapitalismus-Frage

Die Frau muss auch arbeiten, aufsteigen und funktionieren, ein bisschen weniger als der Mann vielleicht, aber dafür ist sie auch mehr für den Haushalt und die Kinder zuständig. Männer wie Frauen sind mit ihren Aufgaben überfordert und unzufrieden. Insofern haben beide ein Geschlechteranliegen, welches aber am Ende auf die Verfasstheit unserer Ordnung weist. Natürlich, Frauen müssen die feministische Arbeit auf sich nehmen, dafür zu kämpfen, dass es Männer genauso stört, wenn es dreckig ist, und sie etwas dagegen tun. Dagegen würde es Männern wahrscheinlich besser gehen, wenn sie sich weigerten, potente Funktionsmaschinen zu sein, die niemals scheitern, was ein Gedanke ist, von dem man glücklicherweise immer häufiger lesen kann. Aber lange nicht so oft wie über den Wirtschaftsfeminismus, der, in der Regel von Frauen aufgeschrieben, dafür eintritt, dass Frauen dringend kapitalistisch verwertet werden müssen. Die Folge davon ist der Imperativ der berufstätigen Mutter. Es ist aber sehr dumm, den Feminismus in den Dienst des Kapitalismus (tut mir jetzt leid, dieses große, schwer fassbare Wort) zu stellen, in welchem die Männer, seit es ihn gibt, stehen und davon Herzinfarkte bekommen.

Und deswegen muss es die Möglichkeit geben, weniger zu arbeiten. Für Männer und Frauen. Nicht achtzig, besser sechzig Prozent und ohne, dass man weniger Geld bekommt. Natürlich nur für die, die es wollen. Für vier Jahre müsste das doch machbar sein. Büros sind ohnehin das Ineffizienteste, was es gibt, die braucht man einfach nicht mehr, und es geht doch hier von morgens bis abends um Effizienz. Vielleicht klingt das naiv und hippiemäßig, aber das ist ja das Verflixte an unserer Gegenwart, das zynische Lachen über alles, und genauso würde Angela Merkel wahrscheinlich auch ihre Mundwinkel verziehen, wenn sie davon hörte, weil sie und ihre Crew so wirtschaftsverliebt sind. Jedenfalls geht es denen bestimmt nicht um die Emanzipation der Frau oder die Befreiung des Mannes. In der neugewonnenen Freizeit könnten wir dann zusammen überlegen, was unser Optimierungswahn mit dem kapitalistischen System zu tun hat. Und Zeit mit den Kindern verbringen.

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