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Beruf und Familie : Man muss wahnsinnig sein, heute ein Kind zu kriegen

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Es sind nicht nur die beiden angeführten Beispiele, die von überforderten Eltern erzählen, man kann auch einfach die Büroflure hoch und runter laufen oder sich mit Freunden treffen, um Menschen anzugucken, die aussehen wie Zombies. Und dann denkt man: Das Dasein ist jetzt schon so anstrengend, wie soll das dann noch mit einem Kind gehen, wie soll ich das schaffen - wobei in dieser Überlegung ein wichtiges Merkmal der modernen Kinderfrage liegt: Wenn man ein Kind bekommt, ist man gewissermaßen selbst schuld. Man kann sich heute dafür oder dagegen entscheiden. Man hat zumindest offiziell die Wahl.

Das entsorgte Kind

Fragt man die bewundernswerten Zombies, wie sie das alles schaffen, sagen sie, das gehe schon irgendwie, aber dabei schlafen sie fast ein, und wenn man dann Artikel wie „Wir gegen die Kinder“, erschienen in der Wochenzeitung „Der Freitag“, liest, welche „zehn goldene Tips“ versammeln, damit nicht das Kind, sondern die Paarbeziehung gewinnt („erklären Sie Sex zu einer äußerst wichtigen Angelegenheit“), dann möchte man schreiend davonlaufen. Sex - auch das noch! Gleichzeitig ist es aber auch so, dass man sich dem Kinderkriegen nicht verweigern kann (oder will), weil zu einer anerkanntermaßen vollständigen Frau auch ein Kind gehört, woran viele Frauen verzweifeln. Das ist ein gesellschaftlicher Imperativ, der hier erwähnt wird, weil er falsch ist und weil er zeigt, wie sehr die Öffentlichkeit in das private Leben hineinregiert, was für Fragen des Kinderkriegens ebenso gilt, und dabei beanspruchen die Journalisten, Talkshowgäste und Politiker meist, genau zu wissen, wie es richtig geht: Flächendeckende Einführung von Ganztagsschulen! Aber das Kind braucht am Anfang besonders die Mutter! Wohin mit dem Kind - auf der Suche nach dem Kita-Platz! Mütter, die zu Hause bleiben, haben eine Schraube locker! Kinder, die fremdbetreut werden, werden später mal eine Schraube locker haben! Kinder müssen schon als Babys zum Chinesisch-Unterricht! Damit die Romantik nicht flöten geht: So halten Sie Ihre Beziehung frisch! Die After-Baby-Bodys der Stars - seien auch Sie sexy! Und dann sieht man diese sogenannten Stars ihre Babys herumtragen wie tolle Accessoires, und denkt, ich will auch eins, aber ich bin kein Star, ich muss wahrscheinlich Vollzeit arbeiten und mein Freund auch.

Bei all diesem Durcheinander frage ich mich vor allem: Warum soll ich ein Kind bekommen, wenn ich gar keine Zeit dafür haben und es pausenlos wegorganisieren werde? Wann soll denn da eine Beziehung zu dem Kind entstehen? Mit einem Jahr in die Kita, zack, Schule, Ganztagsschule. Auf dem Weg zur Kita rennen, damit ich nicht zu spät komme, aber mein Kind will sich vielleicht irgendeine Blume ansehen oder findet einen Lastwagen toll, und dann muss ich es da wegziehen, weil ich, im Dienst der Arbeit, keine Zeit habe. Ich verstehe dieses Selbstausbeutungskonzept nicht, welches natürlich schon vor den Kindern anfängt - perfekte Arbeit, perfekte Beziehung, perfekter Körper, perfekte Bildung und perfekte Einrichtung - und sich nach den Kindern, nur unter verschärften Bedingungen, fortsetzt, denn da möchte man natürlich weiterhin alles haben und perfekte Kinder obendrauf, wobei es eben die Kinder sind, die sich dem Perfektions- und Timing-Wahn nicht unterwerfen lassen, aber ich lebe inzwischen dermaßen effizient, dass mir bestimmt alle naselang der Geduldsfaden reißen würde. So: Es ist jetzt aber total unpassend, dass du schlecht träumst, muss das sein? Ich habe zu tun!

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