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Beruf und Familie : Ihr wollt Kinder? Dann kriegt sie doch!

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Auch Eltern dürfen sich davon überraschen lassen, was ihre Kinder später alles ohne Weiteres erleben werden: Ein Kneipp-Kindergarten Bild: picture alliance / ZB

Sind der Kapitalismus oder die Optimierungsgesellschaft schuld, wenn keine Kinder mehr geboren werden? Keines von beiden, das ist eine Ausrede. Eine Antwort auf meine Kollegin Antonia Baum.

          6 Min.

          Fast alles, was in Büchern und Zeitschriften über das Kinderkriegen steht, ist falsch. Es beginnt beim Schlaf. Babys sollten alle vier Stunden gestillt werden. Das größte Problem, das wir damit hatten, war, das Kind in der Nacht erfolgreich zu wecken. Jedes Kind kann schlafen lernen; aber wie bekommt man es wieder wach? Das stand nirgends. Beim zweiten Kind wurde es noch verrückter: Statt dass das Größere Eifersucht zeigte, riss es sich um die Fürsorge des Kleineren. Tipps dazu, wie kleine Geschwister einander näherzubringen seien, gibt es viele. Aber wie bremst man den Übermut? Wie sagt man einem dreijährigen Kind, dass es sich manchmal zu rabiat um den Hals des Babys wirft, wohlwissend, dass die Gründe dafür gute und bewahrenswerte sind? Es steht nirgends.

          Meine Kollegin Antonia Baum meint unter der Überschrift „Man muss wahnsinnig sein, heute ein Kind zu kriegen“, Nachwuchsplanung sei zum Albtraum geworden. Tatsächlich ist sie, was sie immer war. Das Leben mit Kindern ist anstrengender. Aber es war nie so leicht wie heute. Man darf sich nur nicht in die Irre führen lassen. Der Tag einer Geburt ist ehrlicherweise eher der ängstlichste als der glücklichste im Leben der Eltern. Aber Hebammen sind da, Ärzte kümmern sich, man besuchte Vorbereitungskurse. Wahrscheinlich lässt sich ein Kind nirgendwo so sicher zur Welt bringen wie in Deutschland. Und was in den meisten Fällen recht reibungslos beginnt, muss danach nicht stressiger werden. Es gibt nur ein paar Dinge zu bedenken.

          Junge Väter sollten beispielsweise nicht darüber verzweifeln, dass ihre Kinder sich im ersten Jahr von ihnen fast nie, von der Mutter aber immer beruhigen lassen. Es ist ohnehin normal, dass mit Kindern im ersten halben Jahr wenig anzufangen ist. Während sie es einem schon dadurch einfach machen, dass sie zu Beginn nur herumliegen, lässt sich die erste wichtige Erkenntnis verarbeiten: Das Berufs- und das Familienleben lassen sich nicht ausbalancieren, sondern nur strikt trennen.

          Dürfen Kinder außerhalb der Familie überhaupt Spaß haben?

          Früher als man glaubt, drehen die Kleinen den Spieß dann ohnehin um. Sind sie erst einmal im Kindergarten, fragen sie manchmal samstagmorgens mit bedauerndem Ton, warum der zuhat. Was sagt man dann? Bedauert man, dass die Kindergärten zuhaben und einem die Chance zu arbeiten nehmen? Deutschland ist in dieser absurden Frage zwiegespalten. Auf der einen Seite gibt es das Gerede von der Leistungsgesellschaft, auf der anderen die tatsächlich ernstgemeinte Diskussion, ob es gut sei, wenn Kinder früh fernab der Familie Menschen finden, mit denen sie Spaß haben und zu denen sie Vertrauen aufbauen.

          Der Druck, den junge Menschen heute verspüren, wenn sie an Kinder denken, die sie noch gar nicht haben, ruht entweder auf Absurditäten wie diesen oder auf Missverständnissen, die sich aus ihnen ergeben. Beispielsweise ist das Bild des gelingenden Familienlebens heute geprägt von einer Staubsaugerwerbung im Fernsehen. Eine Frau am Bankschalter behauptet darin stolz, sie arbeite in der „Kommunikationsbranche und im Organisationsmanagement, außerdem gehört Nachwuchsförderung und Mitarbeitermotivation“ zu ihren Aufgaben. Oder kurz: „Ich führe ein sehr erfolgreiches, kleines Familienunternehmen.“

          Wer aber tatsächlich seine Familie als Wirtschaftseinheit betrachtet, lebt im falschen Jahrhundert. Allenfalls in den ärmsten Ländern leiden Menschen noch unter einer Not, die dieses Denken erforderlich macht. Schlimmer ist aber, wie sich die besagte Frau über ihren Einfall freut, mit ihrem Kurzvortrag der Erwartung zu entsprechen, sie sei erfolgreich. Denn diese Erwartung gibt es gar nicht – sie ist nicht nur dämlich, sondern auch ausgedacht. Die Frau setzte sich selbst unter Druck und ihre Familie gleich mit. Das Problem junger Menschen, die angstvoll mit Familienplanungen beginnen, ist, dass sie Hirngespinsten nachjagen.

          Die Idee, Arbeits- und Berufsleben balancieren zu können, ist ein sicherer Weg ins Unglück
          Die Idee, Arbeits- und Berufsleben balancieren zu können, ist ein sicherer Weg ins Unglück : Bild: picture alliance

          Es ist viel einfacher. Die unkomplizierteste Definition von Familie lautet: Zwei Menschen lieben sich und entscheiden sich für Kinder. Warum sollte diese schlichte Formel nicht wahr sein? Die omnipräsente Idee, Kinder zu Sport- und Sprachartisten machen zu müssen, wäre dann eine Variante. Man kann über sie nachdenken, wenn Kinder entsprechende Talente zeigen. Aber sollte man sich davon verrückt machen lassen? Und, wenn ja, ab wann? Wenn Ärzte von Pränataldiagnostik erzählen oder Ratgebermagazine von erfolgreichen Genen schwafeln und Tipps für die Wahl geeigneter Traumpartner geben? Es klingt ein wenig nach Hokuspokus, aber das beste Mittel gegen dieses Leistungsdenken scheint zu sein, sich auf das Abenteuer Kinder dann auch wirklich einzulassen. Denn fast kann man meinen, wenn junge Menschen Kinder bekommen, kämen sie gleichzeitig zur Vernunft. Was in den Zeitungen und Zeitschriften nie steht, sich aber umso häufiger beobachten lässt, sind die tatsächliche Gelassenheit und das Glück vieler junger Eltern, die entweder sofort nach der Geburt oder nach anfänglicher Müdigkeit einsetzen – und bleiben.

          Kinder entwickeln sich gerade am Anfang derart langsam, dass dann, wenn sie endlich beginnen zu reagieren und zu laufen, alle falschen Vorstellungen von Selbstverwirklichung und Selbstausbeutung, woran junge Erwachsene heute leiden, überholt sind. Das Wort „selbst“ kann geradewegs gestrichen werden. Denn die gewaltige Aufgabe, die man im Kinderkriegen vermutete, entpuppt sich weniger als anstrengende Herausforderung denn als Notwendigkeit, über das Wort „ich“ neu nachzudenken – und es aufzugeben. Mit Unglück, Erschöpfung und finanziellem Ruin ist tatsächlich nur dann sicher zu rechnen, wenn man glaubt, die Entscheidung für ein Kind allein treffen zu können. Hat man die Entscheidung jedoch gemeinsam getroffen, bekommt man es plötzlich mit einem neuen „wir“ zu tun, womit erst einmal nur die Eltern gemeint sind: Zur Liebe gesellt sich ein Sinn des Zusammenseins.

          Wer ist schuld an der doppelten Verantwortung?

          Zu behaupten, der Staat biete zu wenig Möglichkeiten, Kinder und Beruf unter einen Hut zu bekommen, ist nur halb wahr. Die Crux der demographischen Misere in Deutschland liegt wahrscheinlich noch woanders: Statt dass sich junge Menschen für Kinder entscheiden und sie bekommen, wenn sie Zeit für sie haben – als Studenten und Auszubildende –, warten sie, weil sie die Bedeutung des Geldes höher einschätzen. So fällt dann die Zeit mit dem aufmerksamkeitsbedürftigen, total abhängigen Baby zusammen mit dem Berufseinstieg, der häufig nicht weniger Verantwortung bedeutet. Das passt nicht.

          Mit Geld lässt sich die eigentlich vorhandene, aber vergangene Lebenszeit nicht mehr zurückkaufen. Lässt sich das wiederum nun den Eltern vorwerfen? Kaum. Junge Menschen, die ihren langwierigen Berufseinstieg als Verkettung glücklicher Umstände begreifen, die sagen, dass sie Chancen genutzt hätten, die ihren Karriereeinstieg also eher als Glücksfall denn als Resultat einer Eigenleistung verstehen, wie es heute üblich ist, treffen keine risikoreichen Entscheidungen wie die für ein Kind. Sie sollten es aber trotzdem tun!

          Selbst bei prekärer Beschäftigung muss kaum jemand länger als ein halbes Jahr arbeiten, um sich neben allen laufenden Kosten einen Wäschetrockner und einen Geschirrspüler leisten zu können. Und so falsch es ist, familiäres Glück in profanen materiellen Einheiten zu berechnen: Diese technischen Annehmlichkeiten sind die Grundlage moderner Lebensfreude. Mehr braucht es kaum. Die gute, erlebnisreiche und interessante Gesellschaft, die man sich für seine Kinder wünscht, ist längst da.

          Ein früher Feierabend bedeutet nicht mehr Kinder

          Der Berliner Autor Malte Welding hat seine Erfahrungen mit seinem Kind jüngst auf einen vermeintlich einfachen Nenner gebracht: Da selbst in China die Geburtenrate höher sei als in Deutschland, könne man nur behaupten, die deutsche Politik betreibe eine „Kein-Kind-Politik“. Doch lässt sich Mutlosigkeit tatsächlich in eine so verknappte Klage ummünzen? Politiker leiden heute selbst darunter, dass ihre Ideen und ihr Handeln wirkungslos verpuffen. Unternehmen haben erkannt, dass es ihnen nicht allzu gut tut, wenn sie Mitarbeiter, die Zeit für Familie einfordern, einfach aussortieren. Wofür ist die niedrige Geburtenzahl nun eigentlich das Symptom? Wer ist anzuklagen – die Politik, die Unternehmer, das Schicksal oder doch man selbst?

          Antworten auf die Fragen beim Kapitalismus zu suchen oder im Optimierungswahn zeugt nicht davon, ernsthaft auf der Suche nach Antworten zu sein; hier lassen sich eher Ausreden finden. Warum sollten sich Akademiker, die in Universitäten nicht nur beste „Heiratsmärkte“ vorfinden, sondern auch alles, was Kinder benötigen, plötzlich dann zum Kinderkriegen verleiten lassen, wenn ihnen ihr Arbeitgeber die Möglichkeit eines früheren Feierabends einräumt? Politikern lassen sich vielleicht Sonntagsreden unterstellen. Natürlich stellen sich etliche Fragen zur finanziellen Situation von Familien. Nach nur einem einstündigen Gespräch mit ihnen kommt man aber trotzdem nicht umhin, einzusehen, dass es keine einfachen und erst recht keine logisch erscheinenden politischen Lösungen gibt.

          Es lässt sich stattdessen etwas ganz anderes behaupten: Wer tatsächlich unter Kapitalismus und Optimierungswahn leidet, sollte nicht länger warten und eine Familie gründen, um im kleinen Rahmen besser zu machen, was im großen so vermeintlich schief läuft. Gerade Kinder lehren Erstaunliches, beispielsweise, dass es nicht immer Sinn hat zu planen. Dass Ziele fast immer Enttäuschungen bedeuten und kaum etwas mehr Freude bereitet als spontane Überraschungen; wozu beispielsweise die Einsicht gehört, dass Spaß und Freude nicht in Freizeitdauer zu messen sind. Wer der Meinung ist, Glück bestehe darin, Zeit mit Kindern zu verbringen, der sollte Zeit mit Kindern verbringen.

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