https://www.faz.net/-gqz-7l329

Beruf und Familie : Ihr wollt Kinder? Dann kriegt sie doch!

  • -Aktualisiert am

Wer aber tatsächlich seine Familie als Wirtschaftseinheit betrachtet, lebt im falschen Jahrhundert. Allenfalls in den ärmsten Ländern leiden Menschen noch unter einer Not, die dieses Denken erforderlich macht. Schlimmer ist aber, wie sich die besagte Frau über ihren Einfall freut, mit ihrem Kurzvortrag der Erwartung zu entsprechen, sie sei erfolgreich. Denn diese Erwartung gibt es gar nicht – sie ist nicht nur dämlich, sondern auch ausgedacht. Die Frau setzte sich selbst unter Druck und ihre Familie gleich mit. Das Problem junger Menschen, die angstvoll mit Familienplanungen beginnen, ist, dass sie Hirngespinsten nachjagen.

Die Idee, Arbeits- und Berufsleben balancieren zu können, ist ein sicherer Weg ins Unglück
Die Idee, Arbeits- und Berufsleben balancieren zu können, ist ein sicherer Weg ins Unglück : Bild: picture alliance

Es ist viel einfacher. Die unkomplizierteste Definition von Familie lautet: Zwei Menschen lieben sich und entscheiden sich für Kinder. Warum sollte diese schlichte Formel nicht wahr sein? Die omnipräsente Idee, Kinder zu Sport- und Sprachartisten machen zu müssen, wäre dann eine Variante. Man kann über sie nachdenken, wenn Kinder entsprechende Talente zeigen. Aber sollte man sich davon verrückt machen lassen? Und, wenn ja, ab wann? Wenn Ärzte von Pränataldiagnostik erzählen oder Ratgebermagazine von erfolgreichen Genen schwafeln und Tipps für die Wahl geeigneter Traumpartner geben? Es klingt ein wenig nach Hokuspokus, aber das beste Mittel gegen dieses Leistungsdenken scheint zu sein, sich auf das Abenteuer Kinder dann auch wirklich einzulassen. Denn fast kann man meinen, wenn junge Menschen Kinder bekommen, kämen sie gleichzeitig zur Vernunft. Was in den Zeitungen und Zeitschriften nie steht, sich aber umso häufiger beobachten lässt, sind die tatsächliche Gelassenheit und das Glück vieler junger Eltern, die entweder sofort nach der Geburt oder nach anfänglicher Müdigkeit einsetzen – und bleiben.

Kinder entwickeln sich gerade am Anfang derart langsam, dass dann, wenn sie endlich beginnen zu reagieren und zu laufen, alle falschen Vorstellungen von Selbstverwirklichung und Selbstausbeutung, woran junge Erwachsene heute leiden, überholt sind. Das Wort „selbst“ kann geradewegs gestrichen werden. Denn die gewaltige Aufgabe, die man im Kinderkriegen vermutete, entpuppt sich weniger als anstrengende Herausforderung denn als Notwendigkeit, über das Wort „ich“ neu nachzudenken – und es aufzugeben. Mit Unglück, Erschöpfung und finanziellem Ruin ist tatsächlich nur dann sicher zu rechnen, wenn man glaubt, die Entscheidung für ein Kind allein treffen zu können. Hat man die Entscheidung jedoch gemeinsam getroffen, bekommt man es plötzlich mit einem neuen „wir“ zu tun, womit erst einmal nur die Eltern gemeint sind: Zur Liebe gesellt sich ein Sinn des Zusammenseins.

Wer ist schuld an der doppelten Verantwortung?

Zu behaupten, der Staat biete zu wenig Möglichkeiten, Kinder und Beruf unter einen Hut zu bekommen, ist nur halb wahr. Die Crux der demographischen Misere in Deutschland liegt wahrscheinlich noch woanders: Statt dass sich junge Menschen für Kinder entscheiden und sie bekommen, wenn sie Zeit für sie haben – als Studenten und Auszubildende –, warten sie, weil sie die Bedeutung des Geldes höher einschätzen. So fällt dann die Zeit mit dem aufmerksamkeitsbedürftigen, total abhängigen Baby zusammen mit dem Berufseinstieg, der häufig nicht weniger Verantwortung bedeutet. Das passt nicht.

Weitere Themen

Topmeldungen

Corona-Test in Sachsen

RKI-Zahlen : Gesundheitsämter melden 10.810 Neuinfektionen

Die Zahl der neuen Corona-Fälle ist im Vergleich zur Vorwoche stark gestiegen. Wegen Ostern sind die Zahlen aber nur bedingt aussagekräftig. Die Sieben-Tage-Inzidenz steigt auf 140,9.
Tränengaseinsatz in Minneapolis

Tödliche Schüsse auf Schwarzen : Biden ruft Demonstranten zur Ruhe auf

Der Tod von George Floyd löste in den Vereinigten Staaten schwere Proteste gegen Rassismus und Polizeigewalt aus. Nun stirbt im selben Bundesstaat abermals ein Schwarzer durch eine Polizeikugel. Präsident Biden bittet Demonstranten eindringlich um Gewaltverzicht.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.