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Bernhard Bueb in der Diskussion : Jargon eines verblassenden Bildungsmilieus

  • -Aktualisiert am

Ob diese Schüler wohl nach Bernhard Buebs Geboten geführt werden wollen? Bild: Marcus Kaufhold

An Bernhard Buebs neuem Buch stechen besonders der vehemente Wille zur Verkürzung und ein nostalgischer Bildungsjargon hervor. Die tatsächlichen Probleme des Schulalltags berührt er kaum.

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          Die junge Dame vom ARD-Magazin gab sich redlich Mühe. „Herr Bueb sagt, dass Lehrer wichtig sind, hat er damit nicht recht?“, fragte sie Aber sicher hat er. „Und er sagt auch, Eltern sollten auf die Erledigung der Hausaufgaben achten, das stimmt doch?“ Ganz zweifellos. „Herzensgüte sei wichtig.“ Ich widerspreche nicht. Sie hat damit das Dilemma des neuen Büchleins von Bernhard Bueb auf den Punkt gebracht. Man kann kaum widersprechen, es gibt einfach keinen Grund dafür. Sagt mir jemand, dass der Himmel bei Sonnenschein meist blau ist, werde ich ihm recht geben, damit aber nicht die Meinung verbinden, dass Allgemeinplätze dieser Art ein ausreichender Grund sind, ein Buch zu schreiben.

          Zumindest im Titel lässt das neue Buch etwas von Furor des vorhergehenden Bestsellers ahnen. „Von der Pflicht zu führen“, da klingt noch einmal der hochherrschaftlich autoritäre Tonfall an, der die Herzen vor allem älterer Pädagogen höher schlagen lässt. Aber im Text ist dann alles weich gespült bis zur Beliebigkeit. „Pädagogen sollen Kinder zur Freiheit führen“, heißt es. Sicher sollen sie das, fragt sich nur wie, etwa konkret unter den Bedingungen des modernen Schulalltags. Daraus wird bei Bueb aber nichts. Es bleibt beim alten Gegensatzpaar von Autorität und Freiheit - mit dem wir uns schon vor dreißig Jahren in Proseminaren herumschlugen, um das Thema schließlich erschöpft fallen zu lassen.

          Weltfremd und nostalgisch

          So wie Bueb formuliert, verliert sich ohnehin jegliche Differenzierung unter der verkürzenden Vehemenz seiner Sprache. „Die Pflicht zu führen“: Damit gerät eine komplizierte Fragestellung restlos ins Abseits. Wer ein Kind in freudigem „Pflichtbewusstsein“ ohne weitere Legitimation autoritär „führt“, der erzieht das bedauernswerte Wesen höchstwahrscheinlich zum Bürokraten oder zum fleißigen Arbeiter am Fließband. Bürokraten haben wir genug und fleißige Arbeiter am Fließband werden immer seltener benötigt. Kurz, ohne die geringste Ahnung ihrer realen gesellschaftlichen Zukunft und ohne Gefühl für ihre Tagträume lassen sich Kinder nicht „führen“, weder autoritär noch sonst wie. Ein bisschen mehr Mühe müssen wir uns im erziehungswissenschaftlichen Denken schon geben.

          Buebs Crux bleibt dieselbe wie in seinem ersten Buch. Zum einen ist seine fast schon tragisch anmutende Weltfremdheit zu konstatieren: Er bewegt sich in Realitäten, die mit den modernen Schulen nichts zu tun haben. Seine Sätze klingen, als seien sie den Erinnerungsalben oder Festschriften zum „30jährigen Schulbestehen“ entnommen, wie sie in allen Rektoratszimmern herumliegen und auch dort von niemandem beachtet werden. Zum anderen fällt noch einmal sein Mangel an theoretischer Kraft auf. Nicht ein Thema wird analytisch vertieft und konkretisiert. Stattdessen hoppelt der Autor von einem Thema zum nächsten und verharrt im Jargon eines verblassenden Bildungsmilieus, über das Hanns Dieter Hüsch schon in den siebziger Jahren gültig und endgültig lästerte: „Frau Metzgermeister sehnt sich nach ihrer Seele... ihren Beethoven lässt sie sich nicht nehmen... samstags schon gar nicht“.

          Ängstliche Abwehr der Moderne

          Dieselbe Trägheit der Gedanken führte im „Lob der Disziplin“ dazu, dass Bueb Disziplin zur „Substanz von Erziehung“ erhob, aber mit dem Begriff gedanklich nichts anzufangen wusste. Das Ergebnis war, dass er schließlich in einer blinden, teilweise antidemokratischen und immer inhumanen Straf-Euphorie endete. Dass ihm seinerzeit ein Großteil der Lehrer zustimmte, war eigentlich eine Katastrophe für ein demokratisches Bildungssystem. In allen Kultusministerien hätten grelle Warnlampen angehen müssen.

          Beide Bücher von Bueb geben einen beispielhaften Blick auf die Verfassung der deutschen Pädagogik frei. Was zeigt sich hier? Zum einen die ängstliche Abwehr der Moderne, deren komplexen sozialen und seelischen Realitäten nichts als Zucht und Ordnung entgegen gesetzt wird. (Kein pädagogischer Kongress, an dem nicht mindestens fünfmal „Kinder brauchen Grenzen“ postuliert wird, und nur mit viel Glück wenigstens ein einziger Redner die vibrierende Lust der Kinder auf Zukunft erwähnt.) Zum anderen, in radikalem Widerspruch dazu, eine sich auf Plato und Kant berufende und letztlich ängstlich in Kommunikationspsychologie verendende pädagogische Theoriebildung, die in der Schulrealität ein ums andere Mal kläglich scheitert. Zwei höchst unvereinbare Denk- und Empfindungsweisen prägen nicht nur Buebs Bücher, sondern Pädagogik heute ganz allgemein. Hilfreich sind beide Haltungen nicht; immerhin ist die zweite die weitaus sympathischere.

          Angemerkt sei noch: Wer mehrere Bücher schreibt, kann gar nicht vermeiden, dass er hin und wieder auch einen richtigen Gedanken formuliert (ich weiß, wovon ich spreche). Abschaffung des Lehrerbeamtentums ist eine Forderung, die seit vielen Jahren erhoben und von Bueb zu Recht wiederholt wird. Wichtiger noch: Buebs Anmerkung, dass Lehrer, von allem Grundschullehrer, ihre enorme Bedeutung für Kinder viel intensiver und mit Stolz wahrnehmen sollten, stimme ich ganz und gar zu.

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