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„Charlie Hebdo“-Anschlag : Das ist die Stunde einer schonungslosen Wahrheit

  • -Aktualisiert am

„Immer wieder gilt es zu sagen: Im Namen Gottes zu morden heißt, Gott zu einem Mordanstifter zu machen“: Bernard-Henry Lévy Bild: Picture-Alliance

Die Journalisten von „Charlie Hebdo“ sind Märtyrer der Pressefreiheit. An ihnen muss sich Frankreich aufrichten und zeigen, was „nationale Einheit“ ist. Und der Islam muss vom Islamismus befreit werden. Ein Gastbeitrag. 

          Zwölf Gesichter. Zwölf Namen, von denen einige ausdrücklich aufgerufen wurden, wie man es bei Verurteilten tut, bevor sie hingerichtet werden. Zwölf Symbole für die Freiheit des Lachens und Denkens, ermordet und in aller Welt beweint. Das mindeste, was wir diesen zwölf Menschen schulden, was wir Charb, Cabu, Wolinski, Tignous, Robert Maris und den übrigen schulden, diesen Märtyrern des Humors, die uns so oft zum Totlachen gebracht haben und deshalb nun tot sind, ist es, auf der Höhe ihres Engagements, ihres Mutes und ab heute ihres Vermächtnisses zu sein.

          Den Verantwortlichen des Landes obliegt es, dem Krieg ins Auge zu sehen, den sie nicht zur Kenntnis nehmen wollten, in dem aber die Journalisten von „Charlie Hebdo“ - diese Chronisten und Karikaturisten, die, wie wir jetzt wissen, gleichsam Kriegsreporter waren, Robert Capas des Zeichenbretts und des Stifts - seit Jahren an vorderster Front gestanden hatten. Dies ist der Churchillsche Augenblick der Fünften Republik. Es ist die Stunde einer schonungslosen Wahrheit angesichts einer Prüfung, die sich lange und schrecklich angekündigt hat.

          Patriotismus ohne Patriot Act

          Es ist an der Zeit, ein für alle Mal mit dem beschwichtigenden Gerede aufzuhören, das uns so lange schon die nützlichen Idioten eines in die Soziologie des Elends und der Verzweiflung auflösbaren Islamismus vortragen. Aber vor allem ist dies der Augenblick einer kühlen republikanischen Besonnenheit, die dafür sorgt, dass wir dem Übel zwar ins Gesicht blicken, uns jedoch nicht den verhängnisvollen Möglichkeiten des Ausnahmezustands hingeben. Frankreich kann - und muss - Dämme errichten, die nicht die Mauern einer belagerten Festung sind. Frankreich muss - das schuldet es sich selbst - eine Terrorbekämpfung ohne Spezialeinheiten schaffen, einen Patriotismus ohne Patriot Act, ein staatliches Handeln, das, kurz gesagt, in keine der Fallen tappt, in die sich die Vereinigten Staaten nach dem 11. September verirrten. Haben uns die Worte Außenminister John Kerrys, der vor zehn Jahren der unglückliche, aber honorige Gegner des jämmerlichen Terrorismusbekämpfers George W. Bush war, nicht implizit dazu aufgerufen? Diese auf Französisch vorgetragene Hommage an die zwölf französischen Märtyrer dessen, was man jenseits des Atlantiks den Ersten Verfassungszusatz nennt, dieses „Je suis Charlie“, im selben Französisch ausgesprochen wie Präsident Roosevelts bewegende, am 8. November 1942 über Radio London verbreitete Rede, zeichnet sie sich nicht gerade dadurch aus, dass sie zwar den epochalen Charakter des Ereignisses hervorhebt, der Schwesternation aber zugleich auch eine diskrete Warnung vor der stets drohenden Versuchung der Folter, Guantánamos und der freiheitstötenden Biopolitik zukommen lässt?

          Uns Bürgern geziemt es, die Angst zu überwinden, auf den Terror nicht mit Schrecken zu reagieren und uns gegen jene panische Angst vor dem anderen, jenes Gesetz des allgemeinen Misstrauens zu wappnen, die fast immer das Ergebnis solcher Erschütterungen sind. Zu der Zeit, da ich dies schreibe, scheint die republikanische Weisheit gesiegt zu haben. Dieses im selben Augenblick und wie mit einer einzigen Stimme in allen französischen Großstädten erfundene „Je suis Charlie“ markiert die Geburt eines Widerstandsgeistes, der unserer besten geschichtlichen Traditionen würdig ist.

          Die Mörder sind nicht „die“ Muslime

          Und die geistigen Brandstifter, die unermüdlich die Trennung in geborene und eingebürgerte Franzosen predigen, die Unruhestifter im Front National und anderswo, die in diesen zwölf Hinrichtungen bereits eine weitere göttliche Überraschung erblickten, welche das unabwendbare Nahen der „Großen Ablösung“ und unsere feige Unterwerfung unter die Propheten der „Unterwerfung“ bezeuge, sind erkennbar nicht auf ihre Kosten gekommen. Die Frage lautet allerdings: Wie lange? Und es kommt entscheidend darauf an, dass Republikaner jeglicher Prägung, Ausrichtung und Herkunft, die in den Stunden nach dem Blutbad mutig auf die Straße gingen, dem „Frankreich den Franzosen“ der Madame Le Pen und ihresgleichen, wenn dann die Zeit der aufgewühlten Emotionen vorüber ist, die „nationale Einheit“ entgegensetzen.

          „Nationale Einheit“ ist das Gegenteil von „Frankreich den Franzosen“. „Nationale Einheit“ ist - von Cato dem Älteren bis hin zu den Theoretikern des modernen Gesellschaftsvertrags - ein schöner Begriff, der sich, weil verwandt mit der Kunst des gerechten Krieges, letztlich niemals über seinen Feind täuscht. Die „nationale Einheit“ ist die Idee, die dafür sorgt, dass die Franzosen verstanden haben: Die Mörder von Charlie sind nicht „die“ Muslime, sondern der winzige Bruchteil unter ihnen, der den Koran mit einem Folterbuch verwechselt - und diese Idee muss unbedingt weiterleben.

          Jene unter uns schließlich, deren Glaube der Islam ist, haben die Pflicht, sehr laut und in sehr großer Zahl zum Ausdruck zu bringen, dass sie diese verirrte und widerwärtige Form theologisch-politischer Leidenschaft ablehnen. Die Muslime Frankreichs sind es nicht leid, sich zu rechtfertigen, wie allzu oft behauptet wird: Sie sind - und auch dies ist das genaue Gegenteil - dazu aufgerufen, ihre konkrete Brüderlichkeit mit ihren massakrierten Mitbürgern zum Ausdruck zu bringen und dadurch ein für alle Mal die Lüge einer geistigen Gemeinschaft zwischen ihrem Glauben und dem der Mörder auszurotten. Vor der Geschichte wie vor sich selbst haben sie die Pflicht, ihrerseits das „Not in our name“ der britischen Muslime zu rufen, die sich letztes Jahr im August mit diesem Ausruf von den Mördern James Foleys distanzierten. Aber sie haben auch die noch gebieterischere Pflicht, sich zu einem Islam der Toleranz, des Friedens und der Milde zu bekennen.

          Ein gemeinsamer Kampf

          Der Islam muss vom Islamismus befreit werden. Immer wieder gilt es zu sagen: Im Namen Gottes zu morden heißt, Gott zu einem Mordanstifter zu machen. Und wir erhoffen uns nicht nur von Religionsgelehrten wie Hassen Chalghoumi, dem Imam von Drancy, sondern von der großen Masse der Gläubigen jenes mutige Aggiornamento, welches endlich zu sagen erlaubt, dass der Kult des Heiligen in der Demokratie eine Gefahr für die Freiheit des Denkens darstellt; dass Religionen in den Augen des Gesetzes Glaubensregime sind, die weder mehr noch weniger Achtung verdienen als profane Ideologien; und dass das Recht, über sie zu lachen und zu diskutieren, wie das Recht, dort ein- oder auszutreten, allen Menschen zusteht.

          Diesen schwierigen, aber unendlich befreienden Weg gingen jene islamischen Geister, denen ich von Bangladesch bis Bosnien, in Afghanistan und in den Ländern des Arabischen Frühlings begegnen durfte - und an deren Namen ich hier gleichfalls erinnern möchte: Mujibur Rahman, Izetbegović, Massoud, die Helden und Heldinnen von Benghasi, die wie Salwa Bugaighis unter dem Feuer oder den Messern barbarischer Brüder im Geiste der Mörder von Charb, Cabu, Tignous und Wolinski starben. Ihre Botschaft gilt es zu hören. Ihr verratenes Vermächtnis gilt es aufzugreifen. Sie sind, obwohl tot, der lebendige Beweis dafür, dass der Islam nicht zu der Krankheit verdammt ist, die jener Dichter und Philosoph diagnostiziert hat, der uns in den kommenden finsteren Zeiten am grausamsten fehlen wird, nämlich Abdelwahab Meddeb. Islam gegen Islam. Aufklärung gegen Dschihad. Die pluralistische Zivilisation Ibn Arabis, Rûmis und der Abhandlungen al-Haythams gegen die Nihilisten des IS und seine französischen Emissäre. Das ist der Kampf, der auf uns wartet und den wir alle gemeinsam führen werden.

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