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„Charlie Hebdo“-Anschlag : Das ist die Stunde einer schonungslosen Wahrheit

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„Nationale Einheit“ ist das Gegenteil von „Frankreich den Franzosen“. „Nationale Einheit“ ist - von Cato dem Älteren bis hin zu den Theoretikern des modernen Gesellschaftsvertrags - ein schöner Begriff, der sich, weil verwandt mit der Kunst des gerechten Krieges, letztlich niemals über seinen Feind täuscht. Die „nationale Einheit“ ist die Idee, die dafür sorgt, dass die Franzosen verstanden haben: Die Mörder von Charlie sind nicht „die“ Muslime, sondern der winzige Bruchteil unter ihnen, der den Koran mit einem Folterbuch verwechselt - und diese Idee muss unbedingt weiterleben.

Jene unter uns schließlich, deren Glaube der Islam ist, haben die Pflicht, sehr laut und in sehr großer Zahl zum Ausdruck zu bringen, dass sie diese verirrte und widerwärtige Form theologisch-politischer Leidenschaft ablehnen. Die Muslime Frankreichs sind es nicht leid, sich zu rechtfertigen, wie allzu oft behauptet wird: Sie sind - und auch dies ist das genaue Gegenteil - dazu aufgerufen, ihre konkrete Brüderlichkeit mit ihren massakrierten Mitbürgern zum Ausdruck zu bringen und dadurch ein für alle Mal die Lüge einer geistigen Gemeinschaft zwischen ihrem Glauben und dem der Mörder auszurotten. Vor der Geschichte wie vor sich selbst haben sie die Pflicht, ihrerseits das „Not in our name“ der britischen Muslime zu rufen, die sich letztes Jahr im August mit diesem Ausruf von den Mördern James Foleys distanzierten. Aber sie haben auch die noch gebieterischere Pflicht, sich zu einem Islam der Toleranz, des Friedens und der Milde zu bekennen.

Ein gemeinsamer Kampf

Der Islam muss vom Islamismus befreit werden. Immer wieder gilt es zu sagen: Im Namen Gottes zu morden heißt, Gott zu einem Mordanstifter zu machen. Und wir erhoffen uns nicht nur von Religionsgelehrten wie Hassen Chalghoumi, dem Imam von Drancy, sondern von der großen Masse der Gläubigen jenes mutige Aggiornamento, welches endlich zu sagen erlaubt, dass der Kult des Heiligen in der Demokratie eine Gefahr für die Freiheit des Denkens darstellt; dass Religionen in den Augen des Gesetzes Glaubensregime sind, die weder mehr noch weniger Achtung verdienen als profane Ideologien; und dass das Recht, über sie zu lachen und zu diskutieren, wie das Recht, dort ein- oder auszutreten, allen Menschen zusteht.

Diesen schwierigen, aber unendlich befreienden Weg gingen jene islamischen Geister, denen ich von Bangladesch bis Bosnien, in Afghanistan und in den Ländern des Arabischen Frühlings begegnen durfte - und an deren Namen ich hier gleichfalls erinnern möchte: Mujibur Rahman, Izetbegović, Massoud, die Helden und Heldinnen von Benghasi, die wie Salwa Bugaighis unter dem Feuer oder den Messern barbarischer Brüder im Geiste der Mörder von Charb, Cabu, Tignous und Wolinski starben. Ihre Botschaft gilt es zu hören. Ihr verratenes Vermächtnis gilt es aufzugreifen. Sie sind, obwohl tot, der lebendige Beweis dafür, dass der Islam nicht zu der Krankheit verdammt ist, die jener Dichter und Philosoph diagnostiziert hat, der uns in den kommenden finsteren Zeiten am grausamsten fehlen wird, nämlich Abdelwahab Meddeb. Islam gegen Islam. Aufklärung gegen Dschihad. Die pluralistische Zivilisation Ibn Arabis, Rûmis und der Abhandlungen al-Haythams gegen die Nihilisten des IS und seine französischen Emissäre. Das ist der Kampf, der auf uns wartet und den wir alle gemeinsam führen werden.

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