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Bernard-Henri Lévy auf dem Majdan : Europa muss Euch helfen!

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„Es lebe die eine, unteilbare und freie Ukraine!“ Der Philosoph und Publizist Bernard-Henri Lévy bei seiner Rede auf dem Unabhängigkeitsplatz in Kiew am 2. März Bild: AFP

Der französische Philosoph Bernard-Henri Lévy hat in Kiew eine flammende Rede gehalten: Bei einer Kundgebung auf dem Majdan forderte er Europas Politiker auf, gegenüber Putin klar Stellung zu beziehen und Sanktionen gegen Russland in Gang zu setzen. FAZ.NET dokumentiert die Rede in einer gekürzten Fassung.

          Volk des Majdan! Ihr habt mit nahezu nackten Händen die Berkut-Einheiten zurückgedrängt. Ihr habt allein oder nahezu allein Janukowitsch in die Flucht geschlagen. Ihr habt mit einer großen Völkern würdigen Selbstbeherrschung der Tyrannei eine historische Niederlage bereitet.

          Ihr seid nicht nur Europäer, ihr seid die besten Europäer. Europäer seid ihr ohne Zweifel durch die Geschichte, aber nun auch durch das vergossene Blut. Europäer seid ihr ohne Zweifel, weil ihr Söhne Voltaires, Victor Hugos und Taras Schewtschenkos seid, aber auch weil zum ersten Mal hier auf dem Majdan junge Menschen mit der Europafahne in den Händen gestorben sind.

          Man wollte euch verleumden. Man hat behauptet, ihr stündet in der finsteren Tradition Europas. Nein. Das Gegenteil ist wahr. Die Tugenden des Widerstands, die den Geist Europas ausmachen und die ein großer Franzose, General de Gaulle, auf ihren Höhepunkt geführt hat, diese Tugenden habt ihr in diesen blutigen Tagen mit Leben erfüllt. Ich verneige mich vor euren Toten. Ich verneige mich vor eurem Mut und sage euch noch freudiger als zuvor: „Willkommen in unserem gemeinsamen Haus!“

          Europa muss die Ukraine schützen

          Heute erhebt sich vor euch jedoch eine andere Macht. Eine Macht, die nur Macht kennt und respektiert. Eine Macht, die ungestraft im Osten eures Landes agiert, auf eurem historischen Territorium. Eine Macht, die mit der Amputation der Ukraine zu tun im Begriff steht, was seit Jahrzehnten kein anderes Land Europas gewagt hat.

          Das Argument ist bekannt: Es ist dasselbe Argument, das Hitler 1938 vorschob, um in die Tschechoslowakei einzumarschieren, weil die Sudetendeutschen deutschsprachig seien. Aber ihr, das Volk des Majdan, seid da, um dieses neue Verbrechen zu verhindern. Aber ihr, die Jugend des Majdan, seid da, um zu verhindern, dass eure Brüder im Osten abermals unter den Stiefel des Imperiums geraten.

          Trauer um die Opfer der Unruhen: Eine in die ukrainische Flagge gehüllte Frau auf dem Unabhängigkeitsplatz in Kiew am 3. März Bilderstrecke

          Ihr habt euch darum abermals zusammengeschart, um die Teilung eures Landes zu verhindern, das im Laufe der Jahrhunderte so viel hat leiden müssen und das Recht, in Freiheit zu leben, teuer, sehr teuer erkauft hat. Aber ich weiß auch, Volk des Majdan, dass ihr, um ihn dauerhaft zu besiegen, die Hilfe eurer Brüder in Europa braucht.

          Europa muss die Ukraine schützen. Europa muss die Grenzen eurer Nation und die Freiheit eurer Städte garantieren. Europa muss unverzüglich, das heißt wenn möglich schon morgen den Assoziierungsvertrag unterzeichnen, für den eure jungen Leute und eure Veteranen gekämpft haben und gestorben sind. Europa muss diesen Vertrag – warum nicht? – feierlich hier in Kiew unterzeichnen.

          „Pfoten weg von der Krim!“

          Das wäre für euch ein Schutz und für Europa gleichsam ein neuer Taufakt. Und Europa muss mit Putin verfahren, wie es mit Janukowitsch verfahren ist: Es muss den Herrn behandeln, wie es den Knecht behandelt hat. Europa verfügt über Sanktionsmöglichkeiten, und es muss sie einsetzen. Europa könnte zu Putin sagen: „Wir brauchen dein Gas, aber du brauchst unsere Euros – also Pfoten weg von der Krim!“

          Europa könnte zu Putin sagen: „Ein Mann, der die Grenzen in Europa antastet, hat keinen Platz in den Gremien, in denen die internationale Gemeinschaft sich um die Stabilität der Welt bemüht – also, Herr Putin, entweder Sie verlassen die Ukraine, oder Sie verlassen die G8, deren Treffen, eine nicht zu überbietende Ironie, in Sotschi stattfinden soll.“

          Und Hollande, Merkel, Obama könnten dem Räuber der Krim und – was Gott verhindern möge – des Donezbeckens sagen, dass er nicht willkommen sein werde, wenn man in einigen Monaten in Frankreich den siebzigsten Jahrestag der Landung der Befreiungsarmeen in der Normandie feiert. Putin ist nur stark, weil wir schwach sind. Putin rückt nur vor, weil wir Angst haben.

          Und wenn die Angst nun die Seiten wechselte? Und wenn die führende Politiker Europas nur zu einer einzigen Fraktion gehörten, zu Fraktion jenes Mutes, den das Volk des Majdan bewiesen hat? Sollte es wahr sein, dass ihr keine Angst habt, aber wir wären von Entsetzen ergriffen? Dass ihr euch gegen den neuen Zaren erhoben habt, und wir kuschten vor ihm?

          Das ist absurd. Das ist unmöglich. Und genau das werde ich den Politikern meines Landes sagen, sobald ich wieder dort bin. „No pasarán!“ (“Sie werden nicht durchkommen!“) , riefen die spanischen Republikaner 1936. „No pasarán!“, rieft ihr Janukowitschs fürchterlichen Berkut-Einheiten entgegen, die ihre Gewehre auf euch richteten. „No pasarán!“, muss Europa heute Wladimir Putins Soldateska zurufen. Es lebe die eine, unteilbare und freie Ukraine!

          Es lebe Frankreich, es lebe Europa, und es lebe die Ukraine in Europa!

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