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Wissenschaftsfreiheit : Ich denke so frei

Freiheit durch Ruhe: das Wissenschaftskolleg zu Berlin. Bild: Maurice Weiss/Wissenschaftskolleg zu Berlin

Ein Podium im Berliner Wissenschaftskolleg sollte die Anliegen des „Netzwerks Wissenschaftsfreiheit" und der „Initiative Weltoffenheit" zusammenführen. Warum fiel ihre Resonanz in der Öffentlichkeit so unterschiedlich aus?

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          Über die Frage „Ist die Wissenschaftsfreiheit bedroht?“ und die Anschlussfrage „Und wenn ja, von wem?“ sprachen am 18. Oktober 2021 im Wissenschaftskolleg zu Berlin unter der Leitung des Journalisten und Juristen Maximilian Steinbeis zwei Professorinnen und zwei Professoren, die Philosophin Maria-Sibylla Lotter (Bochum), die Soziologin Paula-Irene Villa-Braslav­sky (München), der Staatsrechtler Oliver Lepsius (Münster) und der Germanist Peter Strohschneider (München). Wie die Rektorin Barbara Stollberg-Rilinger in ihren Begrüßungsworten erläuterte, stand hinter der Veranstaltung die Idee, die Anliegen zweier In­itiativen gemeinsam zur Diskussion zu stellen, die jüngst mit Warnmeldungen an die Öffentlichkeit getreten sind.

          Patrick Bahners
          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Ganz allgemein bedroht sehen die Wissenschaftsfreiheit Professoren, die sich zu einem „Netzwerk Wissenschaftsfreiheit“ zusammengeschlossen haben, dessen Mitgliederliste in den acht Monaten seit der Publikation seines „Manifests“ auf beachtliche 598 Namen angewachsen ist. In einem sehr speziellen Punkt, nämlich durch den BDS-Beschluss des Deutschen Bundestages, halten staatlich subventionierte Kultur- und Wissenschaftsinstitutionen wie das Goethe-Institut, das Humboldt Forum und das Wissenschaftskolleg die Freiheit des Gedankenaustauschs und der Einladung von Gästen, die ihre Gedanken mitbringen, für bedroht, weshalb sie sich zu einer „Initiative“ zusammentaten, die vor der „Weltoffenheit“ noch Artikel 5 Absatz 3 des Grundgesetzes im Namen führt. Diskussionsbedarf sah die Gastgeberin auch wegen des kon­trären Echos auf die beiden Appelle: Während die meisten Journalisten die Fallgeschichten des Netzwerks wohlwollend weiterverbreiteten, wurde den kollektiv protestierenden Generalsekretären, Intendanten, Rektoren die rechtliche Unverbindlichkeit der Bundestagsresolution entgegengehalten.

          Der Fall des Philosophen Meggle

          Das Berliner Podium war weder ausdrücklich noch in der personellen Zusammensetzung ein Gipfeltreffen der beiden Zirkel. Die Möglichkeit, dass Netzwerk und Initiative an einem Strang ziehen könnten, stand nur einmal kurz im Raum, als Lotter namens des Netzwerks die Rede auf den Fall Georg Meggle brachte. Der emeritierte Philosophieprofessor der Universität Leipzig soll seinen Lehrauftrag an der Universität Salzburg verlieren, weil er mit Bezug auf den Nahostkonflikt vor dem Hintergrund einer utilitaristischen Ethik die Legitimität von Boykotthandlungen diskutieren lässt. Mit der Erwähnung Meggles wehrte Lotter den von Steinbeis geäußerten Verdacht ab, dass der neue Bund Freiheit der Wissenschaft „inhärent konservativ“ sein könnte: Das Netzwerk sei politisch „inklusiv“ und habe sich für Meggle „sehr eingesetzt“.

          Allerdings fehlt unter den auf der Homepage des Vereins dokumentierten „Stellungnahmen und offenen Briefen“ eine Erklärung der Solidarität mit Meggle, wie man sie zugunsten zweier Einzelpersonen publizierte, eines AfD-nahen Althistorikers und einer von der AfD attackierten Diversity-Forscherin. Und als Lotter im Juli an ihrer Universität einen Workshop zur Wissenschaftsfreiheit veranstaltete, hielt dort zwar der linksliberale Rechtsphilosoph Reinhard Merkel in Meggles Anwesenheit einen Vortrag zum „Antisemitismusvorwurf gegen Georg Meggle“ – aber eben deswegen, weil dieser Vorwurf auch im Netzwerk höchst umstritten ist, wie die Bochumer Diskussion erwies. Vom Einsatz des Netzwerks als Netzwerk für ­Meggle zu sprechen kommt einer Irreführung der Öffentlichkeit nahe.

          Es entspricht indes dem Selbstbild der Vereinsgründer, die sich davon überzeugt zeigen, dass sie in ihrer Funktion als Netzwerker für Meinungen überhaupt und nicht für bestimmte Meinungen eintreten. Sie möchten sich von ihren Gegnern dadurch unterscheiden, dass diese angeblich Schwierigkeiten haben, Wissen und Moral zu trennen. Lotter erklärte in Berlin: „Die Konfrontation mit Personen, die ganz anderer Auffassung sind, macht Wissenschaft aus.“ Um sich im Netzwerk Wissenschaftsfreiheit zu engagieren, muss man der Meinung sein, dass damit nicht nur das Ideal beschrieben ist, das die Wissenschaft regulieren sollte. Man muss sich selbst für eine Person halten, die diese Forderung besser erfüllt als Kollegen.

          Barbara Stollberg-Rilingers Frage, warum die beiden Prominentenprojekte zum Schutz der Wissenschaftsfreiheit so unterschiedlich aufgenommen wurden, blieb ohne Antwort. Es dürfte damit zu tun haben, dass Professoren, die sich zu Helden von Einsamkeit, Freiheit und Unbequemlichkeit stilisieren, auch Nichtprofessoren zur Identifikation einladen, während Institutionen nicht davon ablenken können, dass sie Macht ausüben, wenn sie das Wort nehmen.

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