https://www.faz.net/-gqz-8jpyx

Islamforscher am Pranger : Eisberg in der Wohlfühlzone

  • -Aktualisiert am

Der Soziologe Ruud Koopmans spricht im Jahr 2015 auf einer Konferenz in Berlin über Einwanderung. Bild: dpa

Berliner Studenten werfen dem Islamforscher Ruud Koopmans „Arroganz“ und „konzeptionellen Nationalismus“ vor. Dabei zeigen Koopmans’ Studien nüchtern, wie Integration gelingt.

          5 Min.

          Die Studenten des Instituts für Sozialwissenschaften der Berliner Humboldt-Universität sind bekannt für ihre Sensibilität für angeblichen Rassismus beim Lehrpersonal. Kein Semester vergeht, ohne dass aus den Reihen der Fachschaft des Instituts wieder ein Verdachtsfall gemeldet wird. Nach Herfried Münkler, Michael Makropoulus und Hans-Peter Müller geriet jetzt Ruud Koopmans ins Visier der Studenten. Koopmans arbeitet eigentlich am Wissenschaftszentrum, wo er der Direktor der Abteilung Migration, Integration und Transnationalisierung ist.

          Seit drei Jahren hat er allerdings auch eine S-Professur für Soziologie und Migrationsforschung an der HU. Koopmans’ „propagierte Wissenschaft“, heißt es in einer Erklärung der Fachschaft von Anfang Juli, zeichne sich durch „unsägliche Arroganz und Blindheit gegenüber der gesellschaftlichen Realität“ aus. Ihre Ergebnisse seien „normativ zweifelhaft“ und „nicht ansatzweise repräsentativ“. Koopmans bereite damit den „Nährboden für antimuslimischen Rassismus“. Und all das, ohne dem Beschuldigten zuvor eine Möglichkeit gegeben zu haben, sich zu den massiven Anschuldigungen zu äußern.

          Die grenzenlose Leidensfähigkeit der Institutsleitung

          Kurz danach setzten die Studenten eine Diskussion über Koopmans im Institutsrat durch. Die Professoren unter seinen Mitgliedern verwahrten sich dabei nahezu geschlossen gegen die „Diffamierung und Denunziation“ ihres Kollegen. Eine öffentliche Unterstützung Koopmans’ durch die Professorenschaft des Instituts oder auch der Fakultät fand hingegen nicht statt. Intern ist nur zu hören, man sei enttäuscht von der Fachschaft. Hatte man nach dem Fall Münkler nicht vereinbart, in Zukunft gewisse Mindeststandards an Fairness im Umgang miteinander einzuhalten? Bemerkenswert ist aber auch, dass sich die Studenten nach der Sitzung des Rates bei den Mittelbauern für deren Unterstützung bedankten. Diese hätten betont, bisher habe sich „nur niemand getraut, öffentliche Kritik an Koopmans’ Studien“ zu äußern. Der Mittelbau wiederum distanzierte sich inzwischen von seiner angeblichen Unterstützung.

          Koopmans seinerseits verwahrte sich gegen die „beleidigenden Schmierereien und verletzenden Verleumdungen“ der studentischen Kritiker seiner Arbeit, zeigte aber Bereitschaft zu einem Gespräch mit den Studenten. Das fand inzwischen institutsintern statt, über einen Austausch bereits geäußerter Vorwürfe sei man aber nicht hinausgekommen. Die Studenten bleiben bei ihren Vorwürfen, außerdem habe man Koopmans nicht „persönlich rassistisch“ genannt. Es sei um Inhalte gegangen, nicht um die Person Koopmans. Man darf das bezweifeln. Dennoch soll nun im Wintersemester die Auseinandersetzung darüber im Rahmen des Institutscolloquiums fortgesetzt werden. Die Leidensfähigkeit der Institutsleitung angesichts dieser – das muss betont werden – kleinen Minderheit ihrer Studenten scheint grenzenlos zu sein.

          Weitere Themen

          „Sing On!“ Video-Seite öffnen

          Showtrailer : „Sing On!“

          Die Karaoke-Show „Sing On!“ läuft seit dem 07. August 2020 beim Streaminganbieter Netflix.

          Die Welt wird nach Corona ungleicher sein

          Hanks Welt : Die Welt wird nach Corona ungleicher sein

          So weit sich die Lage Anfang August 2020 überblicken lässt, taugt die Corona-Pandemie noch nicht einmal als Egalisierungsmaschine. Belege dafür finden sich auf dem Arbeitsmarkt, in der Bildung und der Literatur.

          Topmeldungen

          Tichanowskaja abgetaucht : Wieder Gewalt in Belarus

          Bei Protesten in Belarus sind Sicherheitskräfte neuerlich mit Blendgranaten und Tränengas gegen Demonstranten vorgegangen. Ein Mensch starb. Der Geheimdienst behauptet derweil, einen Angriff auf das Leben von Lukaschenkas Gegnerin verhindert zu haben.
          Die Polizei geht am Montag in Beirut gegen Demonstranten vor, die gegen die Regierung protestieren.

          Proteste gegen Regierung : Libanons skrupelloses Machtkartell

          Seit vielen Jahren plündert eine korrupte politische Klasse ungestört den Libanon aus. Auch der Rücktritt der derzeitigen Regierung wird daran nichts ändern. Selbst Todfeinde verbünden sich für den Machterhalt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.