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Islamforscher am Pranger : Eisberg in der Wohlfühlzone

  • -Aktualisiert am

Schlechte Chancen, unabhängig von der Religion

Bliebe die andere These, die für Empörung sorgte: Koopmans sei blind für die Diskriminierungserfahrungen von Migranten. Er behaupte, deren hohe Arbeitslosigkeit sei auf „Selbstdiskriminierung durch fehlenden Integrationswillen“ zurückzuführen. Das sei naiv, gefährlich und konzeptionell nationalistisch, so die Studenten. Aber werden sie damit Koopmans gerecht? Nein, Koopmans bestreitet in der kritisierten Publikation gar nicht, dass Muslime auf dem europäischen Arbeitsmarkt ethnisch oder religiös diskriminiert werden. Die von ihm verwendete Eurislam-Erhebung enthält mehrere Fragen hierzu, deren Ergebnisse in Koopmans Berechnungen einflossen.

Die HU-Studenten unterstellen Koopmans zudem, der Ausdruck „Selbstdiskriminierung“ stamme aus einem Gespräch Koopmans’ mit dieser Zeitung vom 29. April. Dabei ist dieser Begriff dort nicht gefallen. Koopmans besteht nur darauf, dass der Einfluss der tatsächlichen Diskriminierung auf den Arbeitsmarkterfolg der Migranten gering sei. Entscheidend sei vielmehr der Grad der soziokulturellen Assimilation: Wer kaum Deutsch spricht, keine deutschen Medien nutzt, schwache persönliche Bindungen in die Mehrheitsgesellschaft hat und traditionellen Auffassungen zur Rolle der Frau anhängt, hat auf dem deutschen Arbeitsmarkt sehr schlechte Chancen. Und zwar – folgt man Koopmans – so gut wie unabhängig von seiner Religion.

Ein positiver Kern

Koopmans kann mit diesen Befunden zeigen, dass es einen Ausweg gibt aus der Benachteiligung am Arbeitsplatz, und den nennt er Assimilierung. Zumindest in der deutschen Migrationsforschung ist das mittlerweile ein Unwort – wer es wie Koopmans noch einsetzt, verlagert sozusagen Verantwortungen. Anpassen soll sich der Migrant, dann wird seine Integration gelingen. Kommt die Mehrheitsgesellschaft dem Einwanderer entgegen, umso besser. Darauf warten sollte er aber nicht. Die Bringschuld – oder vielleicht besser der Bringnutzen – liegt beim Migranten.

Koopmans spricht aber auch vom mangelnden Willen der Zuwanderer, sich dieser Herausforderung zu stellen. Sein Credo, Assimilation funktioniere, hat dennoch einen positiven Kern: Man habe es selbst in der Hand, ob die eigene Integration zumindest in den Arbeitsmarkt gelingt. Der habe keine prinzipiellen Vorbehalte gegenüber Zuwanderern, er interessiere sich nur für deren ökonomische Eignung und verlange nicht mehr als die Selbstmäßigung ihrer Einstellungen.

Wissenschaftlich einwandfrei

Die HU-Studenten hingegen wittern Nationalismus und Deutschtümelei. Koopmans’ Verständnis von Assimilierung bietet dafür allerdings keinen Anlass. Nicht nur weil es viel zu formalistisch angelegt ist. Sondern auch weil sein Hauptinteresse im Wesentlichen arbeitsmarktsoziologisch ist. Er braucht kein Konzept einer angeblichen „Leitkultur“ für seine Studie, weil der Markt daran kein nachweisbares Interesse zeigt.

Einem Arbeitgeber ist es in diesem Sinne gleichgültig, ob der Bewerber mit Migrationshintergrund einen Schrebergarten mit Deutschlandfahne pflegt – solange er deutsch spricht, eine nachgefragte Ausbildung hat, über Kenntnisse verfügt und seine Kolleginnen mit Respekt behandelt, reicht es. Koopmans verhält sich nicht weniger indifferent als die Wirtschaft selbst. Das hat eine gewisse Nüchternheit, es ist ein kühler, unsentimentaler Blick auf die europäischen Einwanderungsgesellschaften. Wissenschaftlich lässt sich an Koopmans’ integrationskitschfreien Befunden nichts aussetzen. In die aktuelle politische Debatte ragen sie jedoch wie ein kalter Eisberg in die Wohlfühlzonen der deutschen Willkommenskultur.

Natürlich liegt es allein an der Gesellschaft, ob sie einen solchen Klimawandel für wünschenswert hält. Die Entscheidung darüber liegt zum Glück nicht in der Hand einer einzelnen universitären Fachschaft.

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