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Islamforscher am Pranger : Eisberg in der Wohlfühlzone

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Verschiedene Heimatregionen

Worum geht es konkret bei den Vorwürfen? Koopmans veröffentlichte vor zwei Jahren unter dem Titel „Religious fundamentalism and out-group hostility among Muslims and Christians in Western Europe“ Ergebnisse einer großangelegten WZB-Studie. Den Studenten zufolge behauptet Koopmans darin, „dass knapp fünfzig Prozent der deutschen Musliminnen eine fundamentalistische Weltsicht“ besäßen. Sie nennen das „Stimmungsmache gegen die deutschen Muslime mit Verallgemeinerungen bar jeder Repräsentativität“. Aber haben Koopmans und seine Mitarbeiter in besagter Studie das gesagt? Sie befragten im Jahr 2008 rund 2500 Christen und 6000 Muslime in Deutschland, Frankreich, den Niederlanden, Österreich, Belgien und Schweden.

Die Studie beginnt mit der Feststellung, dass es auch unter europäischen Christen nach wie vor fundamentalistische Einstellungen in Verbindung mit Fremdenfeindlichkeit gebe. Das sei aktueller Forschungsstand, es mangele aber an Belegen dafür, dass dieser religiöse Fundamentalismus auch unter europäischen Muslimen vorkommt. Die methodischen Schwierigkeiten einer solchen Frage liegen auf der Hand: Praktisch alle Muslime in den untersuchten Ländern sind Zuwanderer oder stammen von Zuwanderern ab, während jene, die sich als Christen bezeichnen, Einheimische sind. Was natürlich die Frage aufwirft, ob sich die Einstellungen der Muslime ihrer Religion verdanken oder nicht vielmehr ihren Erfahrungen als eingewanderte Minderheit in einer christlichen Mehrheitsgesellschaft. Des Weiteren stammen die Zugewanderten aus sehr verschiedenen Heimatregionen – in Deutschland und Holland sind es größtenteils Türken aus Anatolien, in Frankreich hingegen Marokkaner.

Offen antisemitisch

Wenn man sich also trotz dieser Probleme von einer vergleichenden Untersuchung nicht abhalten lassen will, muss man Abstriche bei der Repräsentativität der Ergebnisse in Kauf nehmen – und das wird von Koopmans auch ausführlich dargelegt. An keiner Stelle der aus der Studie gewonnenen Publikation finden sich die Verallgemeinerungen, die Koopmans von den HU-Studenten unterstellt werden. Man repräsentiere mit den Ergebnissen etwa zwei Drittel der deutschen Muslime, bemerkt Koopmans, und sei damit keinesfalls repräsentativ für deren Gesamtbevölkerung.

Nur im Zusammenhang mit dieser und zahlreichen weiteren Relativierungen kommt er zu besagtem Befund, dass dreißig Prozent der befragten deutschen Muslime fundamentalistisch sind. Sie bejahten nämlich, der Islam solle zu seinen Wurzeln zurückkehren, es gebe nur eine verbindliche Auslegung desselben und die Regeln des Korans seien wichtiger als die deutschen Gesetze. Und die Christen? Als fundamentalistisch lassen sich zwar nur knapp vier Prozent bezeichnen, aber ihre Zustimmung zu einzelnen Aussagen ist dennoch hoch: Die Studie besagt, man müsse zehn Prozent der deutschen Christen als offen antisemitisch betrachten. Aber auch 45 Prozent der Muslime.

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