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Berliner Stadtplanung : Wo, bitte, geht's zur Mitte?

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Wo einmal Leben war, herrscht heute Leere: Berlins historisches Zentrum, im Vordergrund der Neptunbrunnen, dahinter Marienkirche und Fernsehturm Bild: dpa

Berlins historisches Zentrum soll zu einer Großbaustelle werden. Doch konzeptuell herrscht Ratlosigkeit. Der Architekt Hans Stimmann fordert eine neue, kleinteilige Bebauung, die an das Verlorene anknüpft, ohne die Gegenwart zu tilgen.

          Wer sich in Hamburg und München auf dem Rathausplatz, in Köln auf dem Alten Markt oder in Dresden auf dem Neumarkt verabredet, braucht keinen versierten Stadtführer. In Berlin ist bekanntlich alles anders und mit der Nachkriegsgeschichte der bis 1989 geteilten Stadt verbunden. Viele Kultureinrichtungen wie die Nationalgalerie oder Staatsbibliothek existieren doppelt, so dass man nach der Wiedervereinigung die Unterscheidungskategorie „neu“ hinzufügte. Nach den Plätzen in der Altstadt sucht man dagegen völlig vergebens, sie wurden nach 1949 ausgelöscht.

          Selbst Berliner brauchen daher historische Stadtpläne, um zum Beispiel den Petri-Platz, Neuen Markt oder Molkenmarkt zu verorten. Wenn es nach dem Willen des Senats geht, soll es bei diesem so erinnerungs- wie platzlosen Zustand bleiben. In einer Mitteilung an das Abgeordnetenhaus vom Juli 2009 heißt es: „Berlin verfügt im Stadtzentrum zwischen Spree und Alexanderplatz über einen großen Freiraum, der zwar räumlich klar definiert wird, der aber keinen gängigen Namen besitzt.“ Die Passage endet mit dem Verweis, man nenne das Areal fortan Rathausforum. Das überwiegend namenlose Fragment des ehemaligen DDR-Staatsraumes wird aber auch durch diese Umtaufe und die Integration des Marx-Engels-Forums nicht zum zentralen Ort, auch wenn hier ein „Panoramablick auf Zeugnisse aus 750 Jahren Stadtgeschichte möglich“ sein soll. Angesichts dessen, dass dort außer der vereinsamten Marienkirche nur der unbeholfene Kommunistenhain der DDR und der hierher versetzte Schlossbrunnen zu sehen sind, wünscht man sich zwanzig Jahre nach dem Mauerfall weniger verquastes Planerdeutsch und klarere politische Aussagen über den Umgang mit einem Kernbereich der Berliner Altstadt.

          Deren Areale aber kommen in Bewegung. So hat der Weiterbau der U-Bahn Linie 55 zum Alex mit den neuen Stationen Humboldtforum und Rathaus begonnen, das Gebiet zwischen Spree und Fernsehturm sowie das geplante Stadthausquartier nördlich vom Molkenmarkt werden in den kommenden zehn Jahren Großbaustelle sein, um die Grunerstraße zurückzubauen und den Stadtgrundriss rund um den Großen Jüdenhof zu rekonstruieren. Nimmt man die Straßen- und Platzneubauten zwischen Gertraudenbrücke und Stadthaus hinzu, werden in den kleinen Raum der ehemaligen Berliner Altstädte 1,5 Milliarden Euro öffentliche Mittel investiert, zuzüglich die schwer einschätzbaren privaten Investitionen für Wohn- und Geschäftsbauten.

          Klimatologische Ödnis im mittelalterlichen Herzen der Hauptstadt: der Fernsehturm, eingerahmt von Grünflächen

          Berlins historisches Zentrum steht also vor einem Bauvorhaben, wie es die Stadt zuletzt auf dem Potsdamer Platz erlebt hat. Allein die Ansprüche der Baulogistik werden es buchstäblich umpflügen - einen Vorgeschmack lieferte vor einiger Zeit die Versetzung des Marx-Engels-Denkmals an die Liebknechtstraße. Niemand vermag die geistige und politische Befindlichkeit Berlins nach Beendigung der Baumaßnahmen vorauszusagen. Aber eine bloße Wiederherstellung des DDR-Staatsforums, ergänzt um eine U-Bahnstation am Rathaus, scheint weder wahrscheinlich, noch ist sie wünschenswert. Soll das einst vom Berliner Magistrat auf dem Neuen Markt errichtete Denkmal Martin Luthers wirklich auf dem Nordteil des Marienkirchhofes bleiben oder nicht doch, wie die Gemeinde wünscht, auf seinen angestammten Platz vor der Marienkirche zurückkehren? Was aber würde dann aus dem Neptun-Brunnen? Böte das Nebeneinander von ihm, Luther-Denkmal und dem Marx-Engels-Duo einen geschichtsträchtigen „Panoramablick“ oder nicht eher einen in die Gruselkammer jüngster Stadtplanung?

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